30 november 2012

Johan Anders Wadman, der Skalde, der an Alkoholmangel stirbt

Johan Anders Wadman wurde am 27. September 1777 als Sohn der Prosten (höherer Priester) Nils Adolf Wadman und seiner Frau Hedvig Sofia Blomstet auf Drottningskär in Karlskrona geboren und starb am 6. Februar 1837 in Göteborg, der Stadt, in der er nahezu als Nationalskalde verehrt wurde.

Der Skalde Johan Anders Wadman wuchs in einer bürgerlichen und sehr religiösen Atmosphäre in Blekinge auf bevor er 1794 erst in Lund und 1800 in Åbo (Turku) studierte. Trotz seiner chronischen Geldnot machte Wadman auf Grund einer Krankheit gegen 1804 eine Reise ins Ausland, was jedoch dazu führte, dass er Schattenschnitte anfertigen musste, damit er genügen Geld zusammenbrachte um nach Schweden zurückkehren zu können.


Auch wenn Johan Anders Wadman von seinem Vater eine gewisse Summe geerbt hatte, so zerrann ihm das Geld zwischen den Fingern, da er nie gelernt hatte damit Haus zu halten. Hinzu kam sein sehr starker Alkoholgenuss, dem er nahezu sein ganzes Leben lang verfallen war.

Zu seinem Glück war Wadman jedoch auch sehr freigiebig und lieh seinem Studienkameraden Carl Fredrik Weltzin eine größere Summe. Dieser konnte dem Skalden und Poeten zwar nicht die geliehenen Gelder zurückzahlen, aber durch seinen Einfluss konnte er Johan Anders Wadman durch die Vermittlung von Arbeitsstellen immer wieder das Überleben ermöglichen.

Von 1806 bis 1807 arbeitete Johan Fredrik Wadman als Bezirksschreiber und Privatlehrer sowohl in Finnland wie in Schweden. Auf Empfehlung von Weltzin wurde er 1807 Lehrer in Karlskoga im Värmland, wo er bis 1810 blieb. Anschließend zog der Skalde nach Göteborg, wo er sein Leben lang bleiben sollte und 1812 wurde er, erneut auf Empfehlung von Weltzin Krankenhausschreiber mit einem festen Lohn von zehn Reichstalern im Monat.

Von 1813 bis 1814 wurde Johan Fredrik Wadman dann leitender Krankenhausbeamter während des Feldzugs in Deutschland, Belgien und Norwegen, da Weltzin in dieser Zeit Chefarzt der Armee war und seinem Freund erneut helfen konnte. Wadman war in dieser Zeit überwiegend für die Leitung des provisorischen Krankenhauses auf Känsö in den Schären vor Göteborg verantwortlich.

Nach dem Krieg versuchte Johan Fredrik Wadman mit Gelegenheitsgedichten, Auftragsgedichten, mit Schreibarbeiten und als Privatlehrer zu überleben, was ihm jedoch nur unter schwierigsten Umständen gelang, denn Wadman wurde zu sehr vom Wein und dem geselligen Zusammensein angezogen als dass er an ein Morgen dachte. Während dieser Gelage trug Wadman mit spontanten Gedichten und Gesang bei, was ihm den Ruf des Göteborger Bellman einbrachte.

Johan Fredsrik Wadman war bereits zu seiner Studentenzeit bekannt für seine Gedichte und Gesänge, auch wenn man heute nicht mehr sagen kann wann seine Karriere als Poet und Skalde wirklich begann, denn die meisten seiner Gedichte gingen verloren und ein Großteil wurde nie aufgezeichnet, da Wadman sehr häufig aus der Situation heraus ein Gedicht schuf, das schon am nächsten Tag wieder vergessen war.

Die erhaltenen Gedichte von Johan Fredrik Wadman wurden erstmals in den Jahren 1830 und 1835 veröffentlicht. Die beiden Bände hatten den Namen Lekochalfwar und wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgelegt und erinnern in vielen Punkten an die Schöpfungen von Carl Michael Bellman.

Als Skalde zeige Johan Fredrik Wadman seine Fähigkeit zur Improvisation und einem ausgezeichneten Humor. Er verfügte über alle Eigenschaften eines guten Skalden und zeigte in seinen Werken immer wieder zynische Züge, wobei sein Erfolg in Göteborg auch damit zusammenhing, dass seine Poesie eine lokale Anknüpfung mit ironischen Spitzen zeigte, die sehr geschätzt war. Wadmans Gedichte umfassen das gesamte Spektrum eines Skalden, auch wenn einige seiner besten Werke, ähnlich wie bei Bellman, um den Genuss von Wein gehen. Im Gegensatz zu Bellman, verzichtete Wadman jedoch weitgehend auf Erotik in seinen Werken, denn auch wenn Wadman dem Wein zugeneigt war, so war ihm die Oberflächlichkeit der Gesellschaft ziemlich gleichgültig.

Ironischerweise starb Johan Fredrik Wadman indirekt daran, dass er die letzten Jahre seines Lebens keinen Schluck Alkohol mehr trank, da ihm ein kleinerer Schlaganfall einen Denkanstoß gegeben hatte und der Skalde lange leben wollte. Da sich jedoch Wadman vor allem flüssig ernährt hatte und der Körper ohne Alkohol auch nicht mehr Nahrung zugeführt bekam als vorher, starb er an Unterernährung und Erschöpfung.

Copyright: Herbert Kårlin

29 november 2012

Sven Hedin, Abenteurer und Schriftsteller in fernen Ländern

Sven Hedin wurde am 19. Februar 1865 als Sohn des Stadtarchitekten Abraham Ludvig Hedin und seiner Frau Anna Berlin in Stockholm geboren und starb am 26. November 1952 in der schwedischen Hauptstadt, wo er sich nach seinen zahlreichen Reisen im Jahre 1935 fest niedergelassen hatte.

Die Kindheit von Sven Hedin entsprach jener der gehobenen Bürgerschicht der Epoche. Hedin begann 1887 sein Studium an der Universität Stockholm und setzte sie 1888 in Uppsala fort, wo er sich vor allem mit Geologie, Mineralogie, Zoologie und Latein beschäftigte. Die folgenden zwei Jahre verbrachte er zum Grossteil an der Humboldt Universität in Berlin um schließlich 1892 in Halle mit einem Doktor in Philosophie abzuschließen.


Mit 15 erlebte Sven Hedin die Rückkehr des schwedischen Forschers Adolf Erik Nordenskiöld als dieser von der Expedition durch die Nordostpassage in Stockholm ankam. Der enorme Empfang, den Nordenskiöld erlebte, war für ihn so beeindruckend, dass er sich unmittelbar entschloss die Welt zu erforschen und auf den Spuren seines Vorbilds zu wandern.

In der Tat wurde Sven Hedin durch seine Reisen nach Asien in Schweden sogar noch bekannter als Nordenskiöld. Am beeindruckendsten waren dabei seine drei Expeditionen zwischen 1893 und 1909 nach Tibet und Zentralasien, denn Hedin konnte durch seine Vermessungen große weiße Stellen der schwedischen Landkarten füllen. Auch wenn er bei den Messungen von Kamelschritten ausging, so zeigte sich später, dass sein Kartenwerk erstaunlich genau war.

Natürlich wäre Sven Hedin nur wegen seiner Reisen und der folgenden Vorträge nicht für alle Schweden ein Begriff geworden. Hedin hatte jedoch sehr schnell verstanden wie wichtig das geschriebene Wort in diesem Rahmen war.

Das erste Buch von Sven Hedin, Genom Persien, Mesopotamien och Kaukasien, erschien bereits 1887 und war das Ergebnis seiner ersten Persienreise, die er bereits als Student unternommen hatte. Eigentlich sollte diese Reise kein Abenteuer werden, sondern Hedin war als Privatlehrer eines schwedischen Jungen nach Baku gereist. In seiner Freizeit hatte der Reiseschriftsteller dann Persisch und Tatarisch gelernt, was ihm später von großem Nutzen sein sollte.

Als der Auftrag als Lehrer zu Ende ging, kehrte Sven Hedin jedoch nicht nach Schweden zurück, sondern nahm das Boot nach Persien, wo er zuerst in Teheran Halt machte. Der Abenteurer setzte seine Reise fort nach Isphahan, Shiraz und schließlich Konstantinopel, wo er den Zeitungsverleger C. G. Wrangel traf, der ihm einen Empfehlungsbrief für Bonnier  überreichte, was Hedin den Einstieg in die literarische Welt ermöglichte.

Im Jahre 1890 begleitete Sven Hedin dann als Dolmetscher eine Delegation nach Persien, die dem Schah den Serafinorden überreichen sollte. Die Erfahrung dieser Reise nutze Hedin dafür gleich zwei Bücher zu veröffentlichen, nämlich  Konung Oscars beskickning till shahen av Persien und Genom Khorasan och Turkistan, wo er auch noch Eindrücke seiner vorhergehenden Reise mit einarbeiten konnte.

Bis 1935 unternahm Sven Hedin noch mehrere ausgedehnte Reisen nach Zentralasien, er erlernte noch mehrere asiatische Sprachen und wurde damit zum vermutlich ersten Reisebuchschriftsteller Schwedens, der dem Heimatland einen großen Teil Asiens näher brachte. Die größte Unterbrechung seiner Reisen kam durch den Ersten Weltkrieg.

In Schweden war Hedin zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits wegen seinem antidemokratischen Gedankengut aufgefallen. Es war daher nicht verwunderlich, dass er auch seine Solidarität mit der Großmacht Deutschland zeigte. Bereits bei Kriegsausbruch besuchte er die beiden Kriegsfronten, was zu den ersten beiden seiner politischen Büchern führte, nämlich zu Från fronten i väster und zu Kriget mot Ryssland, die beide bereits 1915 erschienen. Das erste der beiden Bücher wurde unmittelbar ins Deutsche übersetzt und an die deutschen Soldaten geschickt.

Nach dem ersten Weltkrieg veröffentlichte Sven Hedin dann Sveriges Öde, ein Buch, das Russland als den größten Feind Finnlands und Schwedens aufzeichnete. Bevor sich Hedin dann an seine bereits geplanten neun Bände über Tibet machte, übersetzte er noch die Kriegserinnerungen des deutschen Generals Erich Ludendorff, der eine bedeutende Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte.

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zeigte sich erneut die antidemokratische Tendenz von Sven Hedin, denn nicht nur, dass er in den schwedisch-deutschen Pro-Hitler Vereinigungen in Stockholm aktiv war und eine Rede bei der Eröffnung der Olympiade in Berlin hielt, noch 1939 veröffentlichte er auch das Buch Tyskland och världsfreden, das er in deutscher Sprache schrieb und erst anschließend in das Schwedische übersetzte. Allerdings machte er sich mit diesem Werk auf keiner Seite Freude, denn er lobte zwar Deutschland über alle Masse, aber kritisierte dabei dennoch die Judenverfolgungen. Diesen „Fehler“ glich er jedoch 1944 mit dem Werk „Amerika im Kampf der Kontinente“ wieder aus, wo er die Konspirationstheorie um Roosevelt und dessen Deutschlandhass ausbaute. Nach Hitlers Tod schrieb er einen Nachruf in den Dagens Nyheter in dem er Hitler als die bedeutendste Person der Weltgeschichte bezeichnete.

Sven Hedin war der letzte Schwede, der am 1. Juli 1902 in den Adelsstand erhoben wurde, ohne jedoch den Titel zu vererben, da er nie heiratete und kinderlos blieb. 1905 wurde Hedin in die Vetenskapsakademien gewählt, 1909 in die Krigsvetenskapsakademien und am 22. Mai 1913 kam er auf den Stuhl Nummer sechs der Svenska Akademien, wo er Hans Hildebrand folgte.

Copyright: Herbert Kårlin

28 november 2012

Carl Jonas Love Almqvist, ein Revolutionär zur falschen Zeit

Carl Jonas Love Almqvist wurde als Sohn des Militärkommissair Carl Gustaf Almquist und seiner Frau Birgitta Lovisa Gjörwell am 28. November 1793 in Stockholm geboren und starb am 26. September 1866 in Bremen, wobei seine Mutter allerdings nach sehr langer Krankheit bereits 1806 gestorben war, so dass vor allem der Großvater eine wichtige Rolle während der Jugend Almqvists einnahm.

Die Kindheit verbrachte Carl Jonas Love Almqvist vor allem in Roslagen, das später in zahlreichen Beschreibungen des Schriftstellers auftaucht und als starkes Heimweh nach Roslagen interpretiert wird. Der Großvater weckte beim jungen Almqvist auch die Wissbegierde und die Lust zu lesen und zu schreiben. Durch seine intensive Bildung wurde Almqvist bereits 1808, im Alter von nicht einmal fünfzehn Jahren, an der Universität Uppsala aufgenommen.


Ab 1814 war Carl Jonas Love Almqvist zeitweise Privatlehrer bei Johan Hisinger, 1815 promovierte er in Philosophie und zwischen 1816 und 1823 arbeitete er als königlicher Beamter in den Archiven. Im Jahre 1823 verließ Almqvist die Beamtenlaufbahn um sich auf sein landwirtschaftliches Gut im Värmland zurückzuziehen, das er im Geiste von Rousseau zu bewirtschaften begann. Nur ein Jahr später heiratete er dann Anna Maria Andersdotter Lundström, seine Jugendliebe, die er bereits seit 1812 kannte.

Die Landwirtschaft und das ideale Leben auf dem Lande scheiterten für Carl Jonas Love Almqvist bereits 1826, denn trotz mehrerer Nebentätigkeiten gelang es ihm nicht von seinem Einkommen zu leben. Die Alternative war daher nur zurück nach Stockholm zu gehen, wo er erst verschiedene Schreibarbeiten akzeptierte, bis ihm Freunde 1829 eine Stelle als Lehrer und Rektor in der Nya elementarskolan in Stockholm beschafften. Ab 1839 wurde Almqvist regelmäßiger Mitarbeiter des Aftonbladet, wo er sich auf ein Gefecht mit August Blanche einließ. Da Almqvist mit seinen Finanzen nie zurecht kam, wuchsen seine Schulden bei Wucherern. 1851 verließ der Schriftsteller dann Schweden in Richtung Amerika, ließ dabei eine Anklage gegen ihn wegen Vergiftung zurück und begann sein neues Leben mit falschem Namen und als Bigamist, da er in Amerika erneut heiratete ohne geschieden worden zu sein. Schweden war dem Autor daher für alle Zeit verschlossen. Die USA verließ Almqvist bereits 1865 wieder. Dieses Mal kam er mit falschem Namen nach Deutschland, wo er einsam und völlig unbekannt ein Jahr später starb.

Die literarische Aktivität begann bereits kurz nach dem Tod der Mutter im Jahre 1806, als Carl Jonas Love Almqvist die Odyssee bearbeitete und eine kürzere Abhandlung darüber schrieb. Das erste seiner Gedichte, Hektors levnad, wurde dann 1814 veröffentlicht, wobei sich der Autor hier vor allem an die Romantik anlehnte, auch wenn Almqvist von Beginn an von allen Seiten Eindrücke sammelte und einen sehr persönlichen Stil entwickelte.

Ab den 20er Jahren intensiviert sich dann die schriftstellerische Tätigkeit von Carl Jonas Love Almqvist, wobei sich der Autor an jeden Stil wagte und ebenso Lehrbücher schrieb wie Prosa oder Lyrik. Im Laufe seines Lebens verfasste Almqvist mehr Werke als der Buchmarkt jener Zeit aufnehmen konnte, so dass ein Teil seiner Werke nie erschien und es auch heute noch sehr schwierig ist jedes seiner Manuskripte chronologisch einzuordnen.

Das erste größere Werk von Carl Jonas Love Almqvist wurde 1822 der Roman Amorina, der allerdings erst 1839 erschien, da der Schriftsteller hier die offizielle Lehrmeinung des freien Willens angreift indem er behauptet, dass Anlagen geerbet werden können und die Kriminalität eine Krankheit der Seele sei. Ein Onkel Almqvists, der Bischof war, hatte die Herausgabe des Romans sogar grundsätzlich verboten.

Das Hauptwerk von Carl Jonas Love Almqvist, Törnrosens Bok, erschien dann zwischen 1832 und 1851 und besteht aus vierzehn Teilen. Der Roman ist die vermutlich ausführlichsten Kultur- und Sittengeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Romanform, da der Autor hier religiöse Linien und psychologische Gedanken in ausgezeichnete Naturbeschreibungen einbettet. Das Werk Törnrosens Bok erschien in zwei verschiedenen Auflagen, die sich gegenseitig ergänzen.

Das Schicksal der Person Carl Jonas Almqvist, sein geringer sozialer Stand und seine finanziellen Probleme beruhen indes auf seinem Roman Det går an, der auch zur Auseinandersetzung mit August Blanche führte. Mit Det går an legte Almqvist einen Roman vor, der etwa 100 Jahre zu früh kam und ihm, gerade wegen seinem fortschrittlichen Denken, den Hass der gesamten etablierten Männer-Gesellschaft einbrachte. In diesem Roman beschreibt Almqvist ein Liebesverhältnis, das keine Ehe fordert und wo die Frau zudem dem Manne in jedem Punkt gleichstellt ist.

Der Roman Det går an drückt Carl Jonas Love Almqvist, neben den Romanen Törnrosens Bok, am meisten aus, denn Almqvist forderte die politische Anerkennung der Arbeiterklasse, er forderte das allgemeine Wahlrecht, ein Unterrichtssystem, das zum Nachdenken der Schüler anregt, das Recht einer Frau einen ungeliebten Mann zu verlassen, eine gerechtere Behandlung der Strafgefangenen oder auch ein Ende der Judenverfolgungen. Kaum eine seiner Ideen und Forderungen wurde noch im Jahrhundert durchgeführt in dem er seine Bücher schrieb.

Carl Jonas Love Almqvist gilt als der produktivste Autor seiner Zeit mit einem extrem umfassenden Wissen und Meinungen, die dem konservativen Schweden weit vorauseilten. Kein Autor vor ihm hat so viel veröffentlicht und geschrieben und dabei ein so weites Spektrum eingenommen wie Almqvist, aber da er gegen den Strom der Gesellschaft schwamm, war er auch einer jener Schriftsteller, die am meisten verfolgt waren und als Verderber der Sitten und der Gesellschaft betrachtet wurden. Almqvist blieb in seinen Werken, die mit seiner Flucht nach Amerika fast vollständig beendet waren, dennoch positiv und schrieb noch 1947 die romantische Erzählung Syster och bror, en af Stockholms hemligheter.

Copyright: Herbert Kårlin

27 november 2012

Hedvig Charlotta Nordenflycht, die erste Feministin Schwedens

Hedvig Charlotta Nordenflycht wurde am 28. November 1718 als Tochter des Hofbeamten Anders Andersson Nordbohm (nach Erhebung in den Adelstand Nordenflycht) und seiner Frau Kristina Rosin in Stockholm geboren und starb am 29. Juni 1763 in der schwedischen Hauptstadt.

Ihre Kindheit verbrachte Hedvig Charlotta Nordenflycht in Stockholm, wo sie eine für die damalige Zeit sehr gute Ausbildung erhielt, da sie im gehobenen Bürgertum mit Privatlehrern aufwuchs und sehr früh auch an die Literatur herangeführt wurde. Als Hedvig Charlotta 13 Jahre alt war, zog die Familie auf ihr Gut nach Viby bei Uppsala.


Als der Vater nur drei Jahre später im Sterben lag, überredete er die Sechzehnjährige den Mechaniker Johan Tideman zu heiraten. Hedvig Charlotta Nordenflycht gehorchte dem Vater und verlobte sich mit Tideman. Noch bevor es jedoch zur Ehe kam, starb der Verlobte im Jahre 1737. Nordenflycht zog unmittelbar zurück nach Stockholm und begann dort  eine Affaire mit ihren ehemaligen Französischlehrer, den Priester Jacob Fabricius. Da sich die Verwandten der Ehe widersetzten, kam diese erst im Jahre 1741 zustande und dauerte gerade einmal sieben Monate bis der Ehemann Nordenflychts starb.

Während der kurzen Ehe mit Jacob Fabricius veröffentlichte Nordenflycht das Gedicht  Fruentimbers Plikt at upöfwa deras Wett (die Pflicht der Frau, den Verstand zu gebrauchen), eine Streitschrift, die das Recht der Frau auf Selbständigkeit und das Recht auf literarisches Schaffen forderte und der Schriftstellerin später den Ruf brachte die erste schwedische Feministin gewesen zu sein.

Nach längerer Krankheit und Sorgezeit zog Hedvig Charlotta Nordenflycht in ein kleines Häuschen auf Lidingö, wo sie ihre schriftstellerische Laufbahn begann. 1742 erschien ihr Gedicht Svenska fruntimrets klagan, das sie Ulrika Eleonora widmete und womit sie direkt ins Gespräch kam. Allerdings hatte ihre Annäherung an den schwedischen Hof noch ein anderes Ziel, denn Nordenflycht beantragte am Königshof auch eine Unterstützung als Schriftstellerin, damit sie unbekümmert schreiben konnte, ein Antrag, der genehmigt wurde und ihr, gemeinsam mit den Einnahmen aus Veröffentlichungen, ein bürgerliches Leben erlaubte ohne von einem Mann abhängig zu sein.

Als Aufarbeitung der Sorge und nachdem ihr die finanziellen Probleme genommen waren, schrieb Hedvig Charlotta Nordenflycht die Gedichtsammlung Den sörgande Turtur-Dufwan (Die trauernde Turteltaube), die bereits 1743 erschien und  Aufsehen erregte, zumal es um diese Zeit relativ selten war, dass eine alleinstehende Frau ein Buch veröffentlichte und dann auch noch persönliche Gefühle in Gedichten ausgedrückt wurden.

Zwischen 1744 und 1750 schrieb Hedvig Charlotta Nordenflycht dann, ausser einigen Hüllungen des königlichen Hofes, vier Bände, die den Titel Qwinligit Tankespel (Weibliches Gedankenspiel) erhielten und eine einmalige Zeitkritik darstellen, da Nordenflycht hier über alle zeitnahen Probleme schreibt, angefangen von der Politik, Philosophie und Religion bis zu den Fragen der Rechte der Frauen, ein Werk, das die Rolle der Frau in der Gesellschaft neu definiert und das gesamte patriarchalische System der Zeit in Frage stellt.

Die Liebe zu einem um 20 Jahre jüngeren Mann, Johan Fischerström, für den sie auf das Land gezogen war, sollte dann zu ihrem bekanntesten Gedicht Över en hyacint (Über eine Hyazinthe) führen in dem sie über ihre einseitige Liebe spricht, gefolgt von einigen Gedichten über ein Dreierverhältnis im Winter 1762/63, das sie sehr stark belastete. Am 25. Juni 1763 stürzte sich die Autorin im Alter von 44 Jahren in den Bach, der direkt am Hause vorbeiführte. Auch wenn sie in der letzten Sekunde noch vor dem Ertrinken gerettet wurde, starb sie nur drei Tage später.

Hedvig Charlotta Nordenflycht war jedoch nicht nur die erste Schriftstellerin Schwedens, die für die Rechte der Frau aufstand und vermutlich auch die erste Lyrikerin des Landes, die vom Schreiben leben konnte, sondern sie wurde 1753 auch Mitglied der jungen Schriftstellergruppe Tenkebyggareorden, wo sie gemeinsam mit Gustaf Fredrik Gyllenborg und Gustav Philip Creutz die schwedische Literatur erneuerte und den französischen Klassizismus nach Schweden brachte, was sich insbesondere im dreibändigen Werk Våra försök ausdrückte.

Copyright: Herbert Kårlin

26 november 2012

Bruno K. Öijer, das enfant terrible der schwedischen Poesie

Bruno K. Öijer (Kenneth Bruno Öijer, änderte 1999 seinen Namen in Keats Bruno Öijer) wurde am 26. November 1951 in Linköping geboren. Der Schriftsteller und Poet ist mit der Stockholmer Künstlerin Maya Eizins verheiratet.

Bereits mit 21 Jahren erklärte Bruno K. Öijer, dass er hauptberuflich Schriftsteller werden wollte, was auch mit dem Beginn seiner literarischen Laufbahn übereinstimmt, denn 1972 begann der Poet in der Underground Zeitschrift Guru seine ersten Werke zu veröffentlichen und 1973 erschien sein erster Gedichtband Sång för anarkismen.


Der Band Sång för anarkismen wurde von Stencilpress in einer Auflage von 300 Exemplaren veröffentlicht, wovon Bruno K. Öjer die Hälfte an Angestellte der Stockholmer U-Bahn verschenkte. Niemand vermutete um diese Zeit, dass dieses enfant terrible der schwedischen Poesie später seine Poesiebände in Auflagen von 20.000 Exemplaren veröffentlichen sollte und man heute für ein einziges Exemplar des ersten Buches mindestens 1500 Euro in einem Antiquariat hinblättern muss.

Der Erfolg ließ jedoch nicht sehr lange auf sich warten, denn als der Verlag Wahlström och Widstrand im Jahre 1974 den Lyrikband Fotografier av undergångens leende veröffentlichte, entdeckte die literarische Welt Schwedens den Dichter und die Tiefe seiner Werke. Da Öijer um diese Zeit auch mit seinem Buch auf Tournee ging und seine Werke auf der Bühne so vortrug wie er sie fühlte so dass man die unsichtbare Musik und ein entferntes Theater fühlen konnte, gelang es dem Poeten noch in den 70er Jahre ein Guru für die schwedische Poesiebewegung zu werden.

Bisher erschienen 16 Bände mit Gedichten von Bruno K. Öijer und ein Roman. Während die Poesie des Autors von jeder literarischen Schicht Schwedens gelobt wird, wurde sein Roman Chivas Regal entweder gar nicht erst erwähnt oder aber auf die negativste Weise zerrissen. Man konnte selbst lesen, dass man besser eine Flasche Schnaps kaufen sollte als den Roman. Andere Kritiker meinten, dass das Buch einfach nicht zu lesen sei, was aber vermutlich daran lag, dass sie in dem Augenblick als sie Chevas Regal in die Hände bekamen nicht auf der positivsten Höhe ihres Lebens standen, denn um die anarchistische Depression mit den Tiefen des Lebens des Romans zu ertragen, muss man einen sehr positiven Punkt seiner Lebens erreicht haben.

Bruno K. Öijer ist ein Performance-Poet, der seine neuen Werke auch auf der Bühne präsentiert, dem Ort, der für sie am besten geeignet ist, da man dort seine Verknüpfung von Lyrik, Punk, Rock und einer anarchistischen Gedankenwelt am besten verstehen und fühlen kann.

Nicht vergessen sollte man dabei auch, dass Bruno K. Öijer seine Gedichte nicht einfach so nebenbei schreibt oder auf eine Eingebung wartet, denn der Autor zieht sich dafür monatelang in die Einsamkeit des Waldes zurück, verweigert dort jeden Kontakt um ohne jede äußere Störung das finden zu können, was er in sich selbst sucht. Oijer kann zu diesem Zweck auch über ein Jahr lang in einem Waldhäuschen sitzen und mit niemandem reden. Diese Isolation gibt jedem der Gedichte auch seine Stärke.

In gewissem Widerspruch steht natürlich die Welt der Poesie von Bruno K. Öijer und die Welt, die ihn als den größten Gegenwartspoeten Schwedens bezeichnet, denn Öijer wird in den erlesensten literarischen Kreisen des Landes gelesen, tritt nur noch in ausverkauften Sälen auf, es gibt hunderte von Abhandlungen, die sich mit ihm und seiner Lyrik beschäftigen und er ist Teil einer kapitalistischen Welt geworden. Oijer wird heute mit den bedeutenden Preisen gewürdigt und erhielt selbst die staatliche Einkommensgarantie für Schriftsteller, was weit entfernt vom Inhalt und der Idee seiner Werke liegt. Dass Öijer sich weigerte ein Gedicht zur Hochzeit der Kronprinzessin Victoria zu schreiben, kann man vielleicht als einen letzten Versuch der Revolte bezeichnen.

Copyright: Herbert Kårlin

25 november 2012

Anders Magnus Strinnholm und die schwedische Geschichte

Anders Magnus Strinnholm wurde am 25. November 1786 als Sohn des Landvermessers Anders Magnus und seiner Frau Beata Zimmerman in Umeå geboren und starb am 18. Januar 1862 in Stockholm. Der Nachname Strinnholm kommt von seinem Großvater und ist eine Abwandlung des Dorfes Strinne in Multrå.

Seine schulische Ausbildung machte Anders Magnus Strinnholm erst in Umeå, dann in Piteå. Das Gymnasium besuchte Strinnholm dann in Härnosand und am 11. März 1808 schrieb er sich an der Universität Uppsala ein, wobei er jedoch das Studium in Geschichte und klassischen Sprachen aus Geldmangel nicht abschließen konnte. 1813 gründete der Schriftsteller dann, gemeinsam mit seinem Jugendfreund Zacharias Hæggström eine Buchdruckerei in Stockholm, die er jedoch bereits 1815 verließ um sich ganz dem Schreiben widmen zu können.


Auch wenn Anders Magnus Strinnholm keinen akademischen Abschluss besaß, so gehörte er zu den bedeutendste schwedische Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts. Seine Karriere begann er mit drei Bänden über die Geschichte des Königsgeschlechts Vasa, das Teil eines Gesamtwerkes Svenska folkets historia werden sollte. Als er drei Bände über die Vasa-Geschichte geschrieben und vier der fünf Bände „Geschichte Schwedens“ von C. F. Rühs übersetzt hatte, ging ihm das Geld aus, so dass beide Werke nicht vollendet wurden und Strinnholm erst im Statistischen Archiv und dann bei der Reichsbank als Schreiber und Archivar arbeiten musste.

Als dann im Jahre 1828 der schwedische Reichstag und die Svenska Akademien Anders Magnus Strinnholm Gelder bewilligten, damit er sein wissenschaftliches Werk fortsetzen konnte, kehrte er zur Geschichtsschreibung zurück. Allerdings setzte Strinnholm dann nicht die Geschichte des Geschlechtes Vasa fort, sondern begann mit der heidnischen Geschichte des Landes bis zum Mittelalter, die zwischen 1834 und 1854 in fünf Bänden erschien und später auch in kompakterer Form veröffentlicht wurde. Strinnholm blieb nun chronologisch, wobei die Bedeutung seines Werkes auch darin zu sehen ist, dass allein die ersten beiden Bände über die heidnische Zeit bereits 1300 Seiten umfassten.

Die Geschichtsschreibung von Anders Magnus Strinnholm darf natürlich nicht von der heutigen Warte aus gesehen werden, denn die Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts suchte nicht die Wahrheit der Geschichte, sondern wollte mit Hilfe historischer Dokumente eine logische Geschichte schreiben und erklären was theoretisch möglich war. Ein echtes Quellstudium und wissenschaftliche Beweise waren zu dieser Zeit uninteressant.

In den ersten Bänden der Svenska folkets historia werden daher von Anders Magnus Strinnholm die Sagenwelt und die Legenden als Wirklichkeit betrachtet, was uns heute die Möglichkeit bietet die schwedische Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ihre Wissenschaft und ihre Denkweise besser zu verstehen, da es bereits ein bedeutender Unterschied ist, ob man einen Riesen für Wirklichkeit hält oder ihn als Märchengestalt betrachtet. Strinnholm war daher bemüht die isländische Sagenwelt innerhalb der Geschichte als Realität zu sehen.

Dass Anders Magnus Strinnholm trotz seiner enormen Leistung im Schatten von Erik Gustaf Geijer und Anders Fryxell, den beiden anderen Geschichtsschreibern der Epoche, blieb, liegt daran, dass er so in seine Arbeit vertieft war, dass er die Zeitströmung in der Geschichtsschreibung verpasste. Während Strinnholm alle Lücken, die seine Quelldokumente aufwarfen durch Spekulation ergänzte oder die Frage offen ließ, hatten die beiden anderen Autoren bereits einen kritischeren Blick auf Quelldokumente geworfen und suchten daher die Logik indem sie auch akzeptierten, dass ein altes Dokument fehlerhaft sein kann, was für Strinnholm undenkbar war. Aber gerade diese Einstellung zeigt heute die Entwicklung der Denkweise jener Epoche.

Anders Magnus Strinnholm, der mit Anna Sofia Zimmerman, einer Kusine, verheiratet war, wurde 1834 in die Vitterhetsakademien gewählt und am 18. September 1837 auf den Stuhl 17 der Svenska Akademien, wo er Gustaf af Wetterstedt folgte. Im Jahre 1842 wurde der Schriftsteller zum Ehrendoktor der Universität Uppsala ernannt und 1945 zusätzlich in die Vetenskapsakademien aufgenommen. Letztendlich erhielt Strinnholm vom schwedischen König und dem Reichstag auch eine jährliche Pension in Höhe von 2500 Reichstalern.

Trotz der intensiven Arbeit, die Anders Magnus Strinnholm während 20 Jahren leistete, endete sein Geschichtswerk, das bis zum Jahre 1809 führen sollte, mit dem Jahre 1319 und wurde daher nie beendet.

Copyright: Herbert Kårlin

24 november 2012

Marit Paulsen, von der Arbeiterliteratur zur Politik

Marit Paulsen, geborene Bjørnerud, kam am 24. November 1939 kurz vor der deutschen Okkupation in Oslo zur Welt. Auch wenn Paulsen nur einen deutschen Großvater hatte und daher offiziell keines der verhassten „Tyskerbarn“ (Deutschkinder") war, so wurde sie dennoch vom damaligen norwegischen Hass gegen jede deutsche Herkunft betroffen, wenn auch in etwas minderem Ausmaß als so manch anderes „Tyskerbarn“, das deutsche Eltern hatte oder wo ein Elternteil deutsch war.

Nach eigenen Erzählungen arbeitete Marit Paulsen bereits als Neunjährige in der Fabrik, heiratete mit 17 und bekam drei Kinder. Bis zu ihrem Umzug nach Schweden zu Beginn der 60er Jahre hatte sie mehrere Arbeiterjobs in Norwegen. In ihrer neuen Heimat begann Paulsen im Smedjebackens Valsverk zu arbeiten bis sie von 1970 bis 1972 eine elementare Ausbildung an der Brunnsviks Volkshochschule machte.


Bereits der erste Roman von Marit Paulsen, der 1972 unter dem Titel Du, männska erschien, erregte bedeutende Aufmerksamkeit. Literarisch gesehen, ist das Buch weniger ein Werk, das durch gute Sprache oder Stilistik überzeugt, sondern eine kritische und persönliche Betrachtung der Industriearbeiter in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Marit Paulson kam mit ihrem Buch zur Hochzeit der Arbeiterliteratur und konnte damit mit ihrem „Rapport“ die gesamte linke Leserschicht gewinnen.

Ihren größten literarischen Erfolg hatte Marit Paulson dann mit ihrem autobiographischen Roman Liten Ida, der 1979 als Buch erschien und zwei Jahre später verfilmt wurde. Auch wenn sich Paulsen hier mehr einer literarischen Schreibweise nähert, ist auch dieses Werk vor allem wegen seiner Tragkraft bekannt geworden, das das Schicksal eines norwegischen Mädchens während der deutschen Okkupation in Norwegen beschreibt. Marit Paulsen sieht sich hier in Form der Hauptfigur des Buches als Opfer eines missglückten Sozialsystems und unbarmherziger Sozialarbeitern.

Bis 1990 schreibt Marit Paulsen insgesamt neun Erfahrungsbücher, die eine 30-jährige persönliche Geschichte Schwedens bieten und damit in gewisser Weise als Zeitdokumente zu sehen sind und Paulsen in ganz Schweden bekannt machen, da die Schriftstellerin immer einen Schwachpunkt oder einen Trend der Gesellschaft findet, den sie bis zum Exzess ausschlachtet.

Bereits in den 80er Jahren entwickelte sich Marit Paulsen zu einer extremen Umwelt- und Europakämpferin und suchte die Nähe politisch einflussreicher Personen, was sich Ende der 80er Jahre dadurch zeigte, dass Familie Andersson-Paulsen beim Schwung von der extrem linken Seite zu den Sozialdemokraten ohne bedeutende Sicherheiten 4,5 Millionen Kronen Unterstützung an Land ziehen konnten, aber anschließend dennoch den Konkurs beantragen musste.

Ab den 90er Jahren entwickelt sich Marit Paulsen zu einer umdiskutierten politischen Autorin, die sich zur Fachfrau für Umweltpolitik und Europapolitik wandelt, wobei Paulsen auch hier weniger auf empirische Kenntnisse und Wissenschaft zurückgreift, sondern auf ihre eigene Meinung und persönliche Einstellung, was sowohl in der Politik als auch der Literatur relativ neu war und ihr einen bedeutenden Einfluss garantierte zumal Paulsen Denkanstöße gab. Für ihren Erfolg wird nun aus der Sozialdemokratin eine Verfechterin der Volkspartei, was sich auch sehr deutlich in ihren folgenden teils sehr provokativen Büchern ausdrückt.

Bücher wie En liten bok om euron des Jahres 2003 oder Lurad av laxen : sant & falsk om maten des Jahres 2009 sind, vielleicht dank der nichtakademischen Ausbildung von Marit Paulsen, leicht lesbar und überzeugend, auch wen sie eine Mischung aus persönlichen Meinungen sind, die sie mit ausgewählten Fakten stützt. Auch hier ist ihr Erfolg weniger  die Sachlichkeit und das Wissen zum Thema, sondern ihre Eigenschaft Schwachstellen der politischen Debatte zu finden und selbst Forscher zum Zweifeln zu bringen. Ihre Überzeugungskraft liegt darin, dass sie selbst an ihre Theorien glaubt und sie überzeugend vermitteln kann. Dass sie dabei eigene Begriffe schafft und Theorien, die kaum einer der Leser wirklich nachvollziehen oder verfolgen kann, stützen noch den Erfolg.

Wer Marit Paulsens Bücher liest, darf keine grundlegende Wahrheit suchen oder stilistische und literarische Feinheiten, sondern den Ansatz zu einer anderen Denkweise, zu einer Literatur der Provokation, die jedoch Tausende von Schweden als endgültige Wahrheit nehmen, denn Paulsen ist in der Lage Meinung zu machen, da sie ihre eigene Meinung mit einfachen Worten und selbst erklärten Theorien so klar darstellen kann, dass viele Schweden ihre Bücher als Bibel nehmen, da sie dann selbst nicht mehr nachdenken müssen, sondern einfache Antworten auf ihre Fragen finden.

Copyright: Herbert Kårlin

23 november 2012

Thomas Brylla, Sport im Jugendbuch und im Kriminalroman

Thomas Brylla wurde am 17. Juli 1944 in Örebro geboren und starb am 22. November 2009 nach einer längeren Krankheit in Uppsala, wo er seit 1963 lebte und als Kulturjournalist, Bibliothekar und Schriftsteller arbeitete.

Nach Uppsala kam Thomas Brylla wegen seinem Studium an der dortigen Universität. Dass er dort blieb, lag  daran, dass er in der Stadt seine Ehefrau Eva kennen lernte und 1972 schließlich auch eine Stelle als Bibliothekar an der Bibliothek in Uppsala fand.


Das erste Buch von Thomas Brylla erschien im Jahre 1987 unter dem Titel Lexikon för livet und war im Prinzip kein literarisches Werk, sondern die Zusammenstellung von alten Ausdrücken und Sprichworten der Landwirtin Anna Carlsson, die sich im Alter von 100 Jahren noch an etwa 1800 um diese Zeit teilweise vergessene Ausdrücke und Sprichworte erinnerte und die Sigvard Cederroth für ethnologische Zwecke gesammelt hatte.

Erst im Jahre 1992 erschien dann das erste Jugendbuch Sikta mot stjärnorna von Thomas Brylla, ein Roman, der im Sportmilieu Uppsalas spielt und sportliches Training mit Ausscheidungen und erste Liebe mischt. Der Autor greift hier vor allem auf seine Erfahrung als Trainer im Langlauf für junge Mädchen zurück, eine Aktivität, die beachtliche Erfolge zeigte, denn einige der von ihm trainierten Sportlerinnen wurden selbst in der Nationalmannschaft aufgenommen.

Mit dem Buch Befriande Mord veröffentlicht Thomas Brylla dann seinen ersten Kriminalroman, der ebenfalls in Uppsala spielt und bei dem der Fall vom Rechtsanwalt Peter Bromander und dem Kommissar Staffan Öhm gelöst wird. Diese beiden Figuren tauchen in weiteren vier der insgesamt sechs Kriminalromane des Schriftstellers auf, wobei man auch bei den Krimis immer wieder den Trainer Brylla spüren kann für den Uppsala mit Jugend und sportlicher Leistung verbunden wird.

Obwohl die Jugendbücher und die Kriminalromane von Thomas Brylla mit mittlerem Erfolg bei größeren schwedischen Verlagen erschienen, entscheidet sich der Autor im September 2001 den Selbstverlag Bombus zu gründen in dem er allerdings nicht nur seine eigenen Werke veröffentlichen wollte, sondern insbesondere auch jene seiner Ehefrau Eva, die als Dozentin der Universität Uppsala Namensforschung betreibt. Die Produktion blieb allerdings bescheiden. Der Verlag wurde im Jahre 2010 von Eva Brylla übernommen.

Im Jahre 2009 erscheint mit Kvävande död der letzte Kriminalroman von Thomas Brylla, da der Autor plötzlich erkrankte und sich davon nicht mehr erholen konnte. Der Rechtsanwalt Peter Bromander klärt in diesem Werk den letzten Fall des Schriftstellers und führt den Leser auch ein letztes Mal durch die Straßen Uppsalas. Der Autor, der auch mehrere Sachbücher, zahlreiche Zeitungsartikel und Rezensionen geschrieben hat, starb mit 65 Jahren in Uppsala.

Copyright: Herbert Kårlin

22 november 2012

Harald Molander, ein Leben für das Theater

Harald Molander wurde am 17. März 1858 als Sohn des Arztes Johan Molander und seiner Frau Augusta Dybeck in Stockholm geboren und starb am 22. November 1900 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt in der er, mit einer siebenjährigen Unterbrechung, auch arbeitete.

Bereits in der Kindheit wurde der asthmakranke Harald Molander von seinen Eltern zum Schreiben animiert und sollte gesellschaftliche Theaterstücke aufführen. Diese Erziehung legte auch die Basis für sein späteres Schaffen und die Wahl des Theaters als Ausdrucksfeld, da dort die Phantasie über einen weitaus größeren Freiraum verfügt als in der reinen Schriftstellerei.


Zwischen 1877 und 1881 studierte Harald Molander an der Universität Uppsala, aber da er sich bereits dort mehr für das Studententheater interessierte als für die Vorlesungen, verließ er die Universität ohne Abschluss und widmete sich ab 1881 ganz dem Schreiben.

Harald Molander widmete sich von Beginn an dem Theater und schrieb 1881 seine erste Komödie für das Dramatiska Teatern in Stockholm. Rococo, das im französischen Milieu spielte, wurde allgemein mehr als Übungsstück betrachtet, zeigte keinerlei Persönlichkeit des Autors und blieb ohne Bedeutung für Molander.

Mit den folgenden Stücken Gogol aus dem Jahre 1883 und Vårflod im darauf folgenden Jahr kam dann jedoch der Durchbruch, da Harald Molander nun mehr den Nihilismus und den Realismus der Zeit zur Diskussion stellte. Der Erfolg des Autors lag indes weniger an seiner Individualität, sondern vielmehr daran, dass seine Stücke auf der bedeutendsten Bühne des Landes aufgeführt wurden. Was ihm fehlte, war jedoch das Bekenntnis einer klaren Richtung als Theaterschriftsteller. Weder die jungen schwedischen Autoren, noch die Akademiker rühmten seine ersten Theatertexte oder fühlten sich von ihnen angesprochen.

Aber auch wenn Kritiker und Literaten die Texte von Harald Molander nur für eine mittelmäßige Leistung hielten, so waren die Theaterbesucher anderer Meinung und nahezu alle Stücke konnten vor vollem Haus aufgeführt werden.

Aber auch hier muss man die gesamte Leistung Harald Molanders sehen, denn auch wenn seinen Texten die Persönlichkeit fehlte und der Dramatik die Tiefe, so konnte er als Regisseur aus jedem Stück ein Erfolgsstück schaffen. Das Problem Molanders war jedoch, dass er sich für ein übergreifendes Schreibgenie hielt und sich daher an jede Art von Theaterstücke wagte statt sich auf die Komödie zu beschränken, die er am besten beherrschte. Auf der anderen Seite hat der Autor durch diese Vielseitigkeit natürlich bewiesen, dass er die Stilistik und den Inhalt der Sprache beherrschen kann.

Den größten Erfolg Harald Molanders brachten allerdings nicht die Theaterstücke, sondern sein Roman En lyckoriddare aus dem Jahre 1896, wo er das Leben des Glücksritters und Schriftstellers Lars Wiwallius (Lauritz Wiwalts) darstellt, die Abenteuer eines Vagabunden, der während des 30-jährigen Krieges in Schweden und Deutschland unterwegs war.

Als er seinen Roman im Jahre 1900 in ein Drama für die Theaterbühne verwandelte, wurde das Stück auf allen größeren Bühnen Schwedens aufgeführt und zum größten Erfolg des Schriftstellers. Im Jahre 1921 wurde das Buch En lyckoriddare dann auch von John W. Brunius verfilmt und  hatte nicht nur in Schweden, sondern auch in den USA und anderen Ländern einen bedeutenden Erfolg.

Lars Molander, der ab 1888 mit Lydia Wessler verheiratet war, machte sich auch als Übersetzer von Theaterstücken einen Namen. Von 1884 bis 1886 war Molander Regisseur beim Nya Teatern in Stockholm, zwischen 1886 und 1893 Intendant beim Svenska Teatern in Helsingfors (Helsinki). Bis 1894 war Molander er auf Theatertournee, 1896 bis 1898 arbeitete er als Intendant beim Vasateatern in Stockholm und ab Mai wurde er beim Svenska Teatern (früheres Nya Teatern) in Stockholm Intendant.

Copyright: Herbert Kårlin

21 november 2012

Per Wästberg und die Dritte Welt

Per Wästberg wurde am 20. November 1933 als Sohn des Redakteurs Erik Wästberg und seiner Frau Greta Hirsch in Stockholm geboren, wo er auch aufwuchs und heute noch, gemeinsam mit seiner dritten Frau Sofia Augustdotter, im Stadtteil Östermalm lebt und arbeitet.

Noch bevor Per Wästberg im Jahre 1952 die Hochschulreife erwarb, war er bereits in die schwedische Literaturgeschichte eingegangen, nämlich als jüngster veröffentlichter Autor Schwedens. Wästberg hatte bereits 1949 als Fünfzehnjähriger die Novellensammlung Pojke med såpbubblor veröffentlicht und dabei auch einen Bruch in der Literatur verursacht, da er der erste Autor dieser Epoche war, der die existentielle Angst in seinem Werk durch eine Lebensbejahung austauschte.


Nach der Hochschulreife machte Per Wästberg zuerst ein Bachelor of Arts an der Harvard University, anschließend setzte er sein Studium an der Universität Uppsala fort, das er 1962 mit einem fil. lic. an der philosophischen Fakultät abschloss. Bereits 1953 hatte er, parallel zum Studium als freier Kulturredakteur für die Dagens Nyheter gearbeitet, die Zeitung, an der er zwischen 1976 und 1982 als Chefredakteur arbeitete.

Seinen literarischen Durchbruch hatte Per Wästberg im Jahre 1955 mit seinem Roman Halva kungariket, der dem Leser in romantisch ironischer Weise Stockholm mit den Augen eines jungen Paares, Helena und Felix, zeigt, das als Führer wiederum eine Künstlerin des Vergnügungsparks Gröna Lund hat.

Unter den über 70 Büchern von Per Wästberg findet man mehrere, die das Stockholm von der Warte des gehobenen Bürgerstands zeigt, der Welt, die der Autor am besten kennt. Er bildet damit eine Ergänzung zu Per Anders Fogelström mit seinen Beschreibungen der Hauptstadt Schwedens, der jedoch die Position eines einfachen Bewohners einnimmt.

Als Per Wästberg durch ein Stipendium in den 60er Jahren Afrika kennen lernte, begann eine gewisse Wende bei seinem Schaffen und seinem persönlichen Engagement, denn ab dieser Zeit treten die Probleme der Dritten Welt ins Zentrum. In diesem Rahmen wird er jedoch nicht nur im journalistischen und literarischen Bereich tätig, sondern 1963 gründet er, gemeinsam mit Hans Göran Franck die schwedische Sektion von Amnesty International und beginnt, im gleichen Sinne wie Jan Myrdal und Sara Lidman, mit der Feder gegen die Apartheidspolitik Südafrikas zu kämpfen. Die Einleitung zu dieser Gedankenwelt sieht man vor allem in Wästbergs Reportagebüchern Förbjudet område und På svarta listan, die der Autor beide bereits 1960 veröffentlicht hatte.

Ab 1996 beginnt Per Wästberg an die Nachwelt zu denken und beginnt sein Leben aufzuzeichnen. Er beginnt mit der Veröffentlichung seines Tagebuches, das er im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren führte, setzt mit dem Tagebuch fort, das bis zu seinem 20. Lebensjahr reicht und führt seine Memoiren denn im Jahre 2006 fort, einer Serie in der bisher vier Bände erschienen sind.

Es ist relativ schwierig eine literarische klare Linie bei Per Wästberg zu finden, denn er veröffentlicht Reportagebücher, Romane, Reiseschilderungen, Poesie und politische Werke, die sich indes alle mehr oder weniger um seine persönlichen Erfahrungen und seine persönliche Entwicklung drehen und mehrheitlich in Verbindung mit der jeweiligen Zeitströmung stehen, was auch ein Zeichen für seine parallele Tätigkeit als Journalist ist. Diese Eigenschaft zeigt sich auch im präzisen und sachlichen Stil, den Wästberg bei seinen Werken verwendet, was jedoch nicht bedeutet, dass der Schriftsteller dünne Bücher schreiben würde.

Per Westberg war von 1979 bis 1986 der Vorsitzende der schwedischen P.E.N.-Vereinigung, ist seit 1984 der Vorsitzende des Stockholmer Schönheitsrates, erhielt 2001, gemeinsam mit seiner damaligen Frau Anita Theorell den Augustpreis und wurde 1997 auf den Stuhl Nummer 12 der Svenska Akademien gewählt, auf dem er Werner Aspenström folgte.    

Obwohl Per Wästberg mit zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren Schwedens gehört, sind nur wenige seiner Werke in andere Sprachen übersetzt worden, ausgenommen den Gedichtbänden, die bisher in sechs verschiedenen Sprachen erschienen.

Copyright: Herbert Kårlin

20 november 2012

Selma Lagerlöf, christliche Literatur und Frauenbewegung

Selma Lagerlöf wurde am 20. November 1858 auf Mårbacka in Östra Ämtervik, Värmland, als Tochter des Leutnants Gustaf Lagerlöf und seiner Frau Lovisa Wallroth geboren. Die Schriftstellerin starb am 16. März 1940 im Alter von 81 Jahren im gleichen Ort, auch wenn sie zwischenzeitlich viele Jahre in Falun lebte.

Bereits bei Geburt hatte Selma Lagerlöf einen Hüftschaden, der unter Umständen dazu führte, dass sie mit dreieinhalb Jahren vorübergehend auf beiden Beinen gelähmt war und sich nie so frei bewegen konnte wie andere Kinder. Wie um diese Zeit üblich im bürgerlichen Milieu, besuchte die Schriftstellerin keine öffentliche Schule, sondern hatte Privatlehrer, die nach Mårbacka kamen und Selma, außer dem üblichen Stoff, auch Englisch und Französisch beibrachten.


Nach eigenen Erzählungen wollte Selma Lagerlöf bereits mit sieben Jahren Schriftstellerin werden, auch wenn sie in dieser Zeit zwar viel las, aber von ihr selbst keine literarischen Anfangswerke vorhanden sind. Als Selmas Vater im Jahre 1868 schwer krank wurde, bat sie Gott ihm das Leben zu lassen und las zu diesem Zweck die gesamte Bibel, was später mehrere ihrer Werke stark beeinflusste. Der Vater wurde gesund und lebte weitere 17 Jahre.

Mit Zwölf begann Selma Lagerlöf ernsthaft Gedichte zu schreiben, wobei sie dabei zur klassischen Versform griff. Erst als ihre Wohltäterin Sophie Adlersparre sie dazu anregte in Prosa zu schreiben und die klassische Schreibart zu verlassen, begann sich Selma von der Lyrik zur Prosa zu bewegen.

Im Jahre 1882 entschied sich Selma Lagerlöf, entgegen der Meinung des Vaters, für ein Lehrerstudium in Stockholm, das sie drei Jahre später mit Erfolg beendete. In dieser Zeit ging es finanziell für die Familie Lagerlöf abwärts und das Gut Mårbacka musste verkauft werden. Selma Lagerlöf begann daher nach dem Studium in der Grundschule in Landskrona zu arbeiten, wo sie bis 1895 blieb.

Nachdem Selma Lagerlöf bei einem literarischen Preisausschreiben der Zeitschrift Idun gewonnen hatte, begann sie ernsthaft zu schreiben, was 1891 zur Veröffentlichung der Gösta Berlings saga führte, einer Beschreibung des Värmlands des 19. Jahrhunderts. Um genügend Zeit für das Buch zu finden, erhielt die Schriftstellerin ein Stipendium von Sophie Adlersparre. Das Buch wurde wegen seinem sachlichen Stil allerdings mit wenig Begeisterung von der Kritik aufgenommen, auch wenn es heute als Meisterwerk der Weltliteratur betrachtet wird.

Ab 1895 widmete sich Selma Lagerlöf ganz der Schriftstellerei und 1897 zog sie mit ihrer Tante Kajsa Lovisa Lagerlöf nach Falun um ihrer Schwester Gerda näher zu sein. In dieser Epoche begann die Schriftstellerin auch mehrere Reisen in Begleitung ihrer Freundin Sophie Elkan durch Europa zu machen, die sie 1900 selbst bis in den Mittleren Osten führten. Die Eindrücke, die Selma während der Reise sammelte, führten zu ihrem Roman Jerusalem.

Im Jahre 1906 wollte Selma Lagerlöf dann ein Geografiebuch über Schweden schreiben, das im Unterricht verwendet werden konnte. Leider vergass sie dabei die Region Halland, was dazu führte, dass Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige nur Belletristik wurde und nicht als Schulbuch anerkannt werden konnte. 

Nach mehrmaliger Nominierung erhielt Selma Lagerlöf im Jahre 1909 als erste Frau Schwedens den Nobelpreis der Literatur. Die Preissumme half ihr dann das geliebte Mårbacka wieder zu erwerben, ohne jedoch dort wieder permanent einzuziehen. 1914 wurde die Schriftstellerin dann auch auf den Stuhl Nummer Sieben der Svenska Akademien gewählt wo sie Albert Theodor Gellerstedt folgte. Auch hier war Selma Lagerlöf wieder die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde.

Selma Lagerlöf hatte jedoch nicht nur als Schriftstellerin eine große Bedeutung, sondern sie engagierte sich in der Lokalpolitik, setzte sich für das Wahlrecht der Frauen ein, war Mitgründerin der Volkspartei und half der Jüdin Nelly Sachs 1940 bei der Flucht nach Schweden. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg hatte sich Lagerlöf, obwohl sie eine Fürsprecherin der Rassenbiologie war, gegen die Judenverfolgung in Deutschland ausgesprochen, was ihre Bücher dort auf die Schwarze Liste brachte. Die Ursache für den Widerstand der Judenverfolgung ist allerdings in ihrem intimen Verhältnis zu Sophie Elkan zu suchen, die ebenfalls jüdischer Herkunft war.

Der sehr intime Briefwechsel Selma Lagerlöfs mit Sophie Elkan und Valborg Olander, die beide Frauenrechtlerinnen waren, zeigt ziemlich deutlich, dass Selma Lagerlöf lesbische Neigungen hatte, die jedoch nie an die Öffentlichkeit gerieten, was von der heutigen Warte aus sehr positiv zu betrachten ist, da Homosexualität in Schweden um diese Zeit noch eine Straftat war. Bei einem offenen oder auch indirekten Bekenntnis zur Homosexualität hätte Selma Lagerlöf weder den Nobelpreis erhalten, noch wäre sie in die Svenska Akademien aufgenommen worden, sondern ihr gesamtes Leben und Schaffen wäre dadurch in andere Bahnen geraten.

Selma Lagerlöf, die bereits zu Lebenszeiten weltberühmt geworden war, starb am 16. März 1940 an einer Lungenentzündung und einer Gehirnblutung, nachdem sie bereits eine Woche lang bewusstlos im Bett gelegen hatte. Nils Holgerssons Reise wurde mittlerweile in 60 Sprachen übersetzt und die Gösta Berlings saga in knapp 50 Sprachen.

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19 november 2012

Staffan Heimerson, ein Globetrotter als Schriftsteller

Staffan Heimerson wurde am 7. November 1935 als Sohn von Sven Heimer Svensson und Märta Wieslander in Karlstad geboren, bezeichnet sich als Weltreporter und wohnt seit mehreren Jahren in der französischen Provence.

Der Journalist und Schriftsteller Staffan Heimerson bezeichnet sich selbst als Weltreporter, Abenteurer, Philanthrop, Schriftsteller und fügt dieser Aufzählung in der Regel noch einige andere hinzu. Wenn man ihn fragt, wann er zu schreiben begann, so antwortet er, dass er mit acht Jahren begann und weitere zwanzig Jahre damit fortsetzen wird.


Auch wenn Staffan Heimerson mittlerweile von seiner Pensionierung profitieren könnte, schreibt er weiterhin für die Webredaktion der schwedischen Abendzeitung Aftonbladet, der Zeitung, für die er aus Auslandskorrespondent etwa 140 Länder besuchte um von Krisen zu berichten oder um die wichtigsten Leute des Landes für ein Gespräch zu treffen.

Nachweislich begann Staffan  Heimerson seine journalistische Karriere in den 50er Jahren bei den Nordvästra Skånes Tidningar in Ängelholm, wo er seine Jugend verbrachte und als „pågen från Tockarp“ bekannt war, da er vorher bei seinen Großeltern in Tockarp bei Örkelljunga wohnte.

Staffan Heimerson ist vor allem als Journalist bekannt, da er in diesem Rahmen in der Presse, im Radio und beim Fernsehen aktiv war, was allerdings dazu führt, dass man oft vergisst, dass er bisher, teilweise in Kollaboration, über 30 Bücher veröffentlichte, die in gewisser Weise seine journalistische Arbeit ergänzen, denn hier tritt Heimerson als Ratgeber für Auswanderer ebenso auf wie als Katzenfreund, schreibt Nachschlagewerke oder wird zum Autor, der von seinen Auslandsaufenthalten und historischen Treffen berichtet. Es ist völlig unmöglich bei der schriftstellerischen Tätigkeit Heimersons eine klare Linie zu sehen.

Die Kritiker sind sich bei Staffan (eigentlich Sven) Heimerson nicht einig, ob sie ihn als hervorragenden Autor darstellen sollen oder als Person, die sich zu wichtig nimmt. Sie fragen sich auch ob seine Art zu schreiben eher eine Neuerung innerhalb der literarischen Welt ist oder zeigt, dass Heimerson keine langen Texte schreiben kann, denn seine Bücher sind alle entweder in Form von Reportagen oder im Plauderton geschrieben, eine Eigenheit, die Staffan Heimerson mit sehr wenigen anderen schwedischen Autoren gemein hat.

Aber unabhängig davon, ob man Staffan Heimerson den Status eines ernsthaften Schriftstellers gibt oder nicht, so sind seine Bücher leicht zu lesen, da der Autor auf jede tiefere Strukturation oder stilistische Spiele verzichtet und damit den Regeln von gutem Journalismus folgt, der noch heute von vielen Schriftstellern als Zerstörer der Sprache gesehen werden.

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18 november 2012

Ernst Thörnberg, der vergessene sozioökonomische Schriftsteller

Ernst Thörnberg wurde am 6. Juni 1873 geboren und starb am 12. November 1961 in Stockholm, wo er auch begraben wurde. Über seine Herkunft ist kaum etwas bekannt, ebenso wenig über seine Kindheit, seine Jugend oder seine Ausbildung.

Der sozioökonische Schriftsteller Ernst Thörnberg, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte, hatte eine kaufmännische Ausbildung, wandte sich jedoch sehr früh dem Journalismus zu, denn ab 1891 schreibt Thörnberg für mehrere schwedische Zeitungen, wobei ihn von Beginn an die sozioökonomischen Fragen der schwedischen Gesellschaft interessieren.


Im Jahre 1897 wird Ernst Thörnberg Readakteur der Zeitung Småland, von 1902 bis 1905 ist er Chefredakteur beim Sundsvalls Dagblad, anschließend Norwegen-Korrespondent für das Svenska Dagbladet, wo er die Endphase und das Zerbrechen der schwedisch-norwegischen Union erlebt. In dieser Zeit begann Thörnberg auch für die Migrationsbehörden in Europa und den USA zu arbeiten und unternimmt zahlreiche Reisen.

Seine schriftstellerische Karriere begann Ernst Thörnberg im Jahre 1907 mit Den kooperativa rörelsen, einem Buch, das den Vorteil von Kooperativen für die unterste Bevölkerungsschicht Schwedens beleuchtet. Diese Idee der gemeinsamen Entwicklung eines Gesellschaftssystem durchzieht auch alle seine späteren Werke.

Die Sachbücher von Ernst Thörnberg, die eine ideale Gesellschaftsform beschreiben, hatten nicht nur beim schwedischen Volk einen großen Erfolg, denn die Theorien Thörnbergs wurden auch im Reichstag bemerkt, der ihm 1936 eine lebenslänglich Unterstützung garantierte, damit er in seinem Sinne weiterarbeiten konnte.

Auch wenn die Werke von Ernst Thörnberg noch heute sehr interessante Aspekte der Gesellschaft zeigen, so hatte er nicht nur Freunde, denn er gab der Heilsarmee und der Freikirche eine bedeutende gesellschaftliche Rolle und er war ein Verfechter der Nüchternheitstheorie und lehnte den Genuss von Alkohol grundsätzlich ab, da Alkohol die gesellschaftliche Struktur zerstört. Vor allem diese letztere Einstellung verhinderte, dass Thörnberg ein literarischer und sozialdemokratischer Neuerer wurde, sondern seine Werke nach seinem Tode sehr bald in die Vergessenheit gerieten. Seine Leser fand Thörnberg als Antialkoholiker vor allem unter Frauen und christlichen Freidenkern

Eines der bedeutendsten Bücher von Ernst Thörnberg wurde Folkrörelsen och samhällsliv i Sverige aus dem Jahre 1943, das nicht nur einen historisch-wirtschaftlichen Blick auf das Schweden des Zweiten Weltkriegs wirft, sondern auch das Gefüge der Gesellschaft dieser Epoche beleuchtet.

Ernst Thörnberg wurde 1939 für seine Leistungen als Schriftsteller und Journalist die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Uppsala vergeben.

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17 november 2012

Bo Bergman, zwischen Realismus und Belletristik

Bo Bergman wurde am 6. Oktober 1869 als Sohn des Postangestellten Per Bergman und seiner Frau Amalia Norén in Stockholm geboren, wo er sein gesamtes Leben verbrachte und am 17. November 1967 im Alter von 98 Jahren starb. Seinen Vater beschreibt er als extrem streng, der im Haus nur zwei Meinungen zuließ, nämlich jene von Gott und die des Königs.

Über seine Kindheit und seine Jugend sprach der Poet und Schriftsteller Bo Bergman relativ wenig. Sein Leben begann daher 1888 mit der Hochschulreife und seinem Jurastudium in Uppsala, das er jedoch nach einigen Semestern wegen ständiger Migräne abbrach um, wie sein Vater, eine Karriere bei der Stockholmer Post einzuschlagen. Diese Anstellung behielt der Autor bis zu seiner Rente, da er die Einkommen als Schriftsteller für zu ungewiss hielt, was allerdings gleichzeitig dazu führte, dass Bo Bergman nur relativ wenige Bücher schrieb.


Wann Bo Bergman sein erstes Gedicht verfasste oder die erste Prosa schrieb, ist unbekannt, denn sein erster Gedichtband Marionetterna erschien erst 1903, zur Zeit als er seine Frau Hildegard Hedén kennenlernte, die er im im Jahre 1905 auch heiratete. Bereits 1900 begann Bergman auch als Literaturkritiker bei Ord och Bild zu schreiben, eine Tätigkeit, die er ab 1005 für Dagens Nyheter fortsetzte. Für Dagens Nyheter schrieb der Autor zusätzlich Theaterkritiken.

Der Gedichtband Marionetterna brachte Bo Bergman unmittelbar den literarischen Durchbruch und zahlreiche Gedichte dieses Werkes wurden später von den größten Komponisten Schwedens vertont, auch wenn die Thematik der Poesie nur das permanente Thema des menschlichen Lebens mit seinen Existenzängsten und seinen Zweifeln behandelt. Die Leistung des Poeten liegt in der gewählten Ausdrucksform der Sprache. Das Gedicht Marionetterna, das Teil des Werkes ist, können noch heute zahlreiche Schweden auswendig aufsagen.

Diesem ersten Gedichtband folgen sieben weitere Lyrikbände, wobei das letzte Werk des Autors, Äventyret, erst 1969, zwei Jahre nach seinem Tod, erschien. Neben Poesie veröffentlichte Bo Bergman auch drei Bände mit Novellen und, gegen Ende seines Lebens im Jahre 1963 das Theaterstück Det eviga spelet und ein weiteres Jahr später seine Biografie Trasmattan.

Bo Bergman gehört, wie Hjalmar Söderberg und Henning Berger, zu den Poeten des Aufbruchs, die zwischen dem Realismus und der Ästhetik standen und in der Lyrik eine Flucht aus dem täglichen Leben sahen. In Bergmans Augen befreit die Kunst den Menschen von seinem Leiden und seinen von der Gesellschaft vorgegebenen Grenzen.

Die Person Bo Bergman gehört zu jener Gruppe der Autoren für die Stockholm eine Welt war in der sie ihre Anregungen holten, wo sie stundenlang durch die Straßen bummeln konnten um Eindrücke zu sammeln, wobei sie jedoch nicht den Lärm der Stadt suchten, sondern all das, was sich hinter den Kulissen verbirgt. Die Stimmung Stockholms und die Geheimnisse seiner Stadt findet man in nahezu allen seinen Werken wieder.

Bo Bergman wurde 1925 auf den Stuhl Nummer 12 der Svenska Akademien gewählt, wo er Adolf Noreen folgte. Im Jahre 2005 veröffentlichte die Akademie unter seiner Klassikerausgabe den Band Vårfrost mit ausgewählter Poesie und Prosa von Bo Bergman.

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16 november 2012

Albert Engström, Humor als Ausdrucksmöglichkeit

Albert Engström wurde am 12. Mai 1869 auf dem Gut Bäckefall in Lönneberga als Sohn der Landwirte Laurentius Erhard (Lars) Engström und Antigonia Margareta (Gonny) Lindner geboren und starb am 16. November 1940 im Sankt Göran Krankenhaus in Stockholm

Da die damalige Krise in der Landwirtschaft den Eltern des Schriftstellers das Überleben nahezu unmöglich machte, ging der Vater zur Eisenbahnlinie Nässjö - Oskarshamn. Albert Engström zog daher während seiner Kindheit mehrmals um, verbrachte jedoch den Großteil davon in Hult, wo der Vater schließlich Stationsinspektor wurde. Diese ständigen Reisen und das karge Leben, das er im Småland in diesen Jahren entdeckte, zeigen sich in nahezu allen späteren Werken des Künstlers und Schriftstellers.


Albert Engström besuchte am 1882 die Schule in Norrköping und machte dort am 11. Juni 1888 die Hochschulreife. Im folgenden Jahr schrieb er Gedichte und Prosa für die Eksjötidningen sowie die Smålands Allehanda und arbeitete ein Jahr lang als Privatlehrer in Mullsjö. Im September 1889 begann Engström seine Studien in Latein und Griechisch den der Universität Uppsala.

Allerdings verließ Albert Engström nach zwei Jahren die Universität in Uppsala ohne Abschluss und nach seiner Militärzeit begann an der Kunsthochschule Valand in Göteborg als Privatschüler bei Carl Larsson Zeichnen zu studieren. Nach einer weiteren Unterbrechung von zwei Jahren setzte er 1895 seine Studien an der Kunstakademie in Stockholm in der Abteilung für Kupfergravur fort.

Bis 1905 arbeitete Albert Engström insbesondere als Künstler und machte sich einen Namen als Karikaturist. Seine Zeichnungen erschienen vor allem in Söndags-Nisse und später in der von ihm gegründeten Zeitschrift Strix, die er ab 1897 herausgab. Unter den Mitarbeitern von Strix fand man, unter anderem, Verner von Heidenstam, Carl Larsson, Gustaf Fröding und Bruno Liljefors.

Im Jahre 1905 veröffentlichte Albert Engström dann das erste von zahlreichen Büchern, das den einfachen Titel En Bok trug, eine Sammlung von humoristischen Novellen beinhaltet und den Leser noch heute zum Lächeln bringen. Aber auch wenn die Bücher Engströms den gleichen Geist ausstrahlen wie seine humoristischen Zeichnungen, so gelang es ihm kaum damit die Stärke der Karikaturen zu schlagen, da er bei Karikaturen mit einem Bild eine ganze Geschichte erzählte.

Unter den rund 30 Büchern, die Albert Engström ab 1905 veröffentlichte findet man seine Memoiren, einige Reisebeschreibung und eines der bedeutendsten humoristischen Zeitdokumente des Jahres 1938. Läsebok för svenska folket ist eines des wenigen Werke in denen der Schriftsteller auch Stellung zur politischen Entwicklung der Vorkriegsepoche nimmt, wenn auch auf seine sehr persönliche Weise.

Albert Engström unternahm zahlreiche Reisen, die von den Lesern alle in Form von Novellen verfolgt werden können und einen humoristischen Einblick in das menschliche Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts bieten, wobei der Schriftsteller dabei nicht nur die Menschen beschreibt, sondern auch über unzählige Traditionen und erstaunliche Treffen berichtet.

Unabhängig, ob man die Zeichnungen Albert Engströms betrachtet oder seine Novellen liest, man entdeckt bei jedem seiner Werke die Satire, die Ironie und die Seele eines Kindes, das jede Entdeckung aufs Neue macht und eine Passion für das Leben zeigt, die man selten bei Schriftstellern findet.

Albert Engström wurde 1919 in die Kunstakademien und 1922 in die Svenska Akademien gewählt, wo er den Stuhl Nummer 18 einnahm und Oscar Montelius ersetzte.

Der Schriftsteller traf seine Frau Sigrid Sparre im Februar 1919, verlobte sich im gleichen Jahr mit ihr und heiratet seine bedeutendste Kritikerin am 23. September 1894. Sigrid Sparre starb nur zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes.

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15 november 2012

Kristina Lugn, Poesie und Drama einer Außenseiterin

Kristina Lugn wurde am 14. November 1948 als Tochter des Generalmajors Robert Lugn und seiner Frau Brita-Stina Alinder in Tierp im Uppland geboren, lebt heute in Stockholm und ersetzt seit dem 5. Oktober 2006 den Schriftsteller Lars Gyllensten auf dem Stuhl Nummer 14 der Svenska Akademien.

Ihre Kindheit verbrachte Kristina Lugn in Skövde, wo ihr Vater damals stationiert war. Nach eigenen Aussagen entschied sie sich bereits mit sechs Jahren Schriftstellerin zu werden, nachdem ein Gedicht von ihr in Kalle Anka & C:o (Micky Maus) veröffentlicht worden war.


Kristina Lugn besuchte ging in Skövde auf das Mädchengymnasium und studierte anschließend an den Hochschulen in Uppsala und Stockholm, wo sie 1972 ihren Abschluss als Magister in der philosophischen Fakultät machte. Ich gleichen Jahr begann mit dem Gedichtband Om jag inte die literarische Karriere der Schriftstellerin, mit Gedichten, der bereits ihren trockenen Humor ausdrücken, der sie literarisch bis heute begleitet. Ihr Thema war und blieb die ewige Angst vor dem Tod, dem von Bekannten, aber auch ihrem eigenen.

Bevor Kristina Lugn dann im Jahre 1983 mit ihrem Gedichtband Bekantskap önskas med äldre bildad herre ihren großen Durchbruch hatte, veröffentlichte die Autoren weitere vier Gedichtbände, die alle sehr positiv aufgenommen wurden und vom Standpunkt eines gesellschaftlichen Außenseiters geschrieben wurden, auch wenn ihr etwas spezieller Humor in jedem Buch vorhanden ist, der den Werken die Schwermut nimmt.

Kristina Lugn arbeitet sehr langsam an ihren Gedichten und die Liebhaber ihrer Werke müssen immer lange auf einen Folgeband warten, wobei ihr bisher letzter Band Hej då, ha det så bra! nahezu wie ein Abschied wirkt, denn tatsächlich hat die Autorin seit 2003 keine Poesie mehr veröffentlicht.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass Kristina Lugn in dieser Zeit nicht literarisch tätig war, denn bereits zwischen Bekantskap önskas med äldre bildad herre aus dem Jahre 1983 und dem nächsten Gedichtband Hundstunden im Jahre 1989 schrieb sie mehrere Stücke für das Theater, die teilweise auch in Buchform erschienen.

Auch wenn die meisten Stücke von Kristina Lugn auf der kleineren Bühne Teater Brunnsgatan Fyra in Stockholm gespielt werden und wurden, dem Theater, das sie nach dem Tod von Allan Edwalls im Jahre 1997 als künstlerische Leiterin übernahm, so wurden ihren Stücke Tant Blomma, Titta en älg!, Kvinnorna vid Svansjön und Idla-flickorna auch im Dramaten aufgeführt.

Wie schon die Gedichte von Kristina Lugn, so kreisen auch ihre Theaterstücke, die nahezu wie parallele Monologe wirken, um die Angst vor dem Tod und fordern vom Zuschauer sehr viel Aufmerksamkeit. An zahlreichen Momenten streift die Dramaturgin Lugn das Absurde, das auf der Bühne bisweilen wie ein gesteuertes Chaos wirken kann.

Kristina Lugn gehört heute mit zu den einflussreichsten Dramaturginnen Schwedens, die, zum Beispiel, für die Hochzeit von Kronprinzessin Victoria mit Prinz Daniel das Stück Vilar glad i din famn schrieb, das an diesem Tag aufgeführt wurde und die den Text zur Komposition von Benny Andersson schrieb, das während der Einweihungswoche Orgel Acusticum an der Technischen Universität in Luleå vorgetragen wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

14 november 2012

Astrid Lindgren, von Pippi Langstrumpf bis zu Emil und Ronja

Astrid Lindgren, geborene Ericsson wurde am 14. November 1907 als Tochter der Pacht-Landwirte Samuel August Ericsson und Hanna Jonsson in Vimmerby geboren und starb am 28. Januar 2002 in ihrer Wohnung in Stockholm, wo sie seit 1926 nahezu ununterbrochen wohnte und ihre Bücher schrieb.

Nach eigenen Erzählungen war Astrid Lindgren sehr früh an Büchern und der Sagenwelt interessiert und lernte noch vor ihrem Schulbeginn den Riesen Bam-Bam und die Fee Virbunda kennen, die sie später bei einigen ihrer Werken beeinflussten. Die Schriftstellerin besuchte ab 1914 die Volksschule in Vimmerby, kam 1917 in die Realschule und 1920 veröffentlichte die Vimmerby Tidning einen ihrer Schulaufsätze.


Nach Abschluss der Realschule wurde Astrid Lindgren wegen ihrer guten Kenntnisse der schwedischen Sprache Korrekturleserin der Vimmerby Tidning. Als sie jedoch 1926 ein Kind des Chefredakteurs der Zeitung erwartete, zog sie nach Stockholm und lehnte den Heiratsantrag des Journalisten ab. Das Kind kam unehelich in Kopenhagen zur Welt, wo es auch die ersten Jahre bei einer Pflegefamilie verbrachte. Astrid Lindgren begann nach der Geburt des Sohnes beim Kungliga Automobil Klubben zu arbeiten, wo sie den Bürochef Sture Lindgren traf, den sie ein Jahr später heiratete. Die finanziellen Möglichkeiten des Ehemanns erlaubten ihr auch ein Leben als Hausfrau, das jedoch immer wieder von beruflichen Aktivitäten unterbrochen wurde.

Während des zweiten Weltkriegs arbeitete Astrid Lindgren erst für den Kriminologen Harry Söderman, später schrieb sie einige Weihnachtserzählungen für die Landsbygdens Jul und die Stockholms-Tidningen, bis sie schließlich beim schwedischen Geheimdienst bei der Briefzensur beschäftigt wurde. Im Jahre 1941 zog die Familie Lindgren dann in der Dalagatan in Stockholm ein, der Wohnung, die Astrid Lindgren bis zu ihrem Tod bewohnen sollte.

Die Idee zu Pippi Långstrump (Pippi Langstrumpf) kam Astrid Lindgren in den 40er Jahren, wobei der Name von ihrer damals kranken Tochter Karin erfunden wurde. Erst erzählte die Schriftstellerin ihrer Tochter lediglich eine nebenbei erfundene Geschichte, die sie jedoch in den Folgejahren aufschrieb. Im Mai 1944 bekam ihre Tochter dann das erste maschinengeschriebene Exemplar. Ein weitere Exemplar schickte sie an den Bonniers Verlag, der das Manuskript allerdings ablehnte, wobei man allerdings nicht vergessen darf, dass Pippi Langstrumpf bei dieser Version, die nie veröffentlicht wurde, auch hochnäsig und bösartig war.

Während Astrid Lindgren auf eine Antwort von Bonniers wartete, schrieb sie das Kinderbuch Britt-Marie lättar sitt hjärta (Britt-Mari erleichtert ihr Herz), das sie für eine Ausschreibung an Rabén & Sjögren schickte. Das Buch gewann den zweiten Preis. Als Pippi Langstrumpf von Bonniers zurückkam, arbeitete sie das Buch um um gab Pippi den heute bekannten Charakter. Diese Version reichte sie bei der kommenden Ausschreibung bei Rabén & Sjögren ein, wofür sie den ersten Preis bekam und bereits zu Weihnachten 1945 war Pippi Långstrump ein Bestseller. Als Rabén & Sjögren im kommenden Jahr ein Preisausschreiben für den besten Detektivroman ausschrieb, nahm Astrid Lindgren mit Mästerdetektiven Blomkvist (Kalle Blomquist) teil, wofür die Autorin einen geteilten ersten Preis erhielt und einen weiteren Bestseller geschaffen hatte.

Auch wenn Astrid Lindgren, die auch Theaterstücke, Bilderbücher und Manuskripte für Radio und Fernsehen schrieb, nur knapp 40 Kinderbücher veröffentlichte, so ist sie die bekanntes Kinderbuchautorin Schwedens. Von ihren Büchern wurden insgesamt bisher knapp 150 Millionen Exemplare in 95 verschiedenen Sprachen verkauft, was ein absoluter Rekord bei Kinderbüchern ist. Die bekanntesten ihrer Figuren wurden, außer Pippi Langstrumpf, Kalle Blomkvist, Emil i Lönneberga (Michel aus Lönneberga) und Ronja Rövandotter (Ronja Räubertochter).

Astrid Lindgren arbeitete bei der Herausgabe ihrer Bücher vor allem mit vier Illustratoren, die die Phantasie der Kinder mit anregten, die die Bücher der Autorin lasen, blieben jedoch relativ unbekannt. Ingrid Vang Nyman schuf Pippi Langstrumpf, Eric Palmquist war für Kalle Blomkvist verantwortlich, Björn Berg illustrierte die Bücher mit Emil und Ilon Wikland mehrere der anderen wichtigen Persönlichkeiten der Kinderbücher.

Bis zu ihrem 70. Lebensjahr hielt sich Astrid Lindgren weitgehend von der öffentlichen Diskussion zurück und versuchte nicht das politische Geschehen zu beeinflussen. Dies änderte sich insbesondere zur Reichstagswahl im Jahr 1976 als sie mit ihrer sehr offenen Debatte um die Marginalsteuern den Sozialdemokraten den Wahlverlust brachte. Auch wenn die Autorin immer von Marginalsteuer von bis zu 102 Prozent sprach und nicht den Realsteuern, die sie für ihre enormen Einnahmen zu bezahlen hatte, so dachten viele Schweden, dass Astrid Lindgren mehr Steuern bezahlen muss als sie einnahm, was jedoch nie der Fall war, auch wenn die Realsteuer in Schweden bei sehr hohem Verdienst etwa 75 Prozent der Einnahmen betragen konnte.

Als Astrid Lindgren am 28. Januar 2002 in Stockholm starb, wurde ihre nahezu ein Staatsbegräbnis gewährt bei dem auch die königliche Familie und die wichtigsten politischen Führer Schwedens anwesend waren. Auch wenn alle Feierlichkeiten in Stockholm stattfanden, so wurde Astrid Lindgren in Vimmerby beigesetzt.

Im Jahre 2002 stiftete die schwedische Regierung den ALMA (Astrid Lindgren Memorial Award) in Höhe von fünf Millionen Kronen, was diesen Preis zum größten literarischen Preis Schwedens, nach dem Nobelpreis, macht, wobei dieser Preis, im Gegensatz zu den meisten anderen Preisen im Namen der Schriftsteller, jedoch nicht aus einer Stiftung Astrid Lindgren stammt.

Copyright: Herbert Kårlin

13 november 2012

Werner Aspenström und die Poesie der 40er Jahre

Werner Aspenström wurde am 13. November 1918 als Sohn des Landwirts Karl A. und seiner Frau Anna Eriksson in Norrbärke in Dalarna geboren. Der Poet starb am 25. Januar 1997 in Stockholm. Da der Vater nur wenige Monate nach der Geburt von Aspenström starb, wuchs dieser, gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern, in ärmlichen Verhältnissen mit der Mutter auf.

Die finanzielle Situation der Familie ließ Werner Aspenström nicht an eine höhere Ausbildung denken, sondern zwang ihn nach der sechsjährigen Volksschule in Stimmerbo unterschiedliche Arbeiten in der Forstwirtschaft und dem Bergbau anzunehmen und die Familie finanziell unterstützen.


Zwischen 1936 und 1938 besuchte Werner Aspenström die Volkshochschule in Sigtuna, wenig später ging er nach Stockholm, wo er erst die Hochschulreife nachmachte und ab 1841 Philosophie studierte. Noch während seines Studiums stellten sich dann die Weichen für Aspenström, denn auf der Stockholmer Schäreninsel Kymmendö lernte er seine spätere Frau Signe Lund kennen, er veröffentlichte seinen ersten Gedichtband Förberedelse. In der gleichen Zeit begann er auch für die literarische Zeitschrift 40-tal zu schreiben.

Mit seinem zweiten Gedichtband Skriket och tystnaden im Jahre 1946 zeigte Werner Aspenström dann deutlich seine Zugehörigkeit zu den Literaten der 40er Jahre, die die klassische Einstellung zu Lyrik und Prosa aufgaben um neue Wege zu suchen.  Und mit Snölegend mit seiner ausgeprägten Symbolsprache im Jahre 1949 kam der große Durchbruch für den Poeten, der allerdings bereits wieder auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksmöglichkeit war, die von der symbolischen Bildsprache zum Realismus und Naturalismus führten.

Obwohl Werner Aspenström außer vierzehn Gedichtbänden auch Prosa, ein Kinderbuch, Essays und fünf Bände mit Theaterstücken schrieb, war seine Poesie so stark und ausdrucksstark, dass seine anderen Werke dadurch kaum beachtet wurden, auch wenn mehrere dieser Werke bedeutend sind wenn man einen Zugang zum Autor Aspenström finden will. Insbesondere seine autobiografischen Werke, allen voran das Prosawerk Bäcken aus dem Jahre 1958 und Sommar aus dem Jahre 1968, zeigen ein mehr realistisches Bild des Poeten und Schriftstellers als seine poetischen Werke.

In den 60er Jahren blieb Werner Aspenström seiner um diese Zeit „klassischen“ Schreibweise treu, was ihn den akademischen Schriftstellern näherte, aber auch bedeutete, dass er von den Arbeiterschriftsteller, die um diese Zeit dominierten, als elitär abgestempelt wurde und kaum neue Leser gewinnen konnte.

Im Jahre 1976 wurde Werner Aspenström die Ehrendoktorwürde in Philosophie verliehen und 1981 wurde er auf den Stuhl Nummer 12 der Svenska Akademien gewählt, wo er Sten Lindroth ersetzte. 1989 gehörte er zur Gruppe der Schriftsteller, die nicht mehr an den Aktivitäten der Vereinigung teilnahmen, da die Akademie im Fall Salman Rushdie keine Position einnehmen wollte. Im gleichen Jahr trat er auch aus dem Författerförbundet und dem schwedischen PEN-Klub aus.

Werner Aspenström starb kurz nachdem er seinen letzten Gedichtband Israpport beendet hatte, der bereits vom nahen Tod erzählt. Der Gedichtband wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht.

Copyright: Herbert Kårlin