31 maj 2013

Erik Lindegren und die modernistische Lyrik Schwedens

Erik Lindegren wurde am 5. August 1910 als Sohn des Ingenieurs Ernst Tullius Lindegren und dessen Frau Alma Elisabet Elfgren in Luleå geboren und starb am 31. Mai 1968 in Stockholm. Lindegren war in erster Ehe mit Laila Bill und in zweiter Ehe mit der Museumschefin Karin Bergqvist verheiratet.

Da der Vater von Erik Lindegren Ingenieur bei der Eisenbahn war, zog die Familie sehr häufig um und der Junge entdeckte sehr früh nahezu ganz Schweden. Die Schule begann er in Malmö, setzte sie jedoch in Kiruna fort um jedoch in Östersund die Hochschulreife abzulegen, da es in Kiruna kein Gymnasium gab. Das Elternhaus war bürgerlicher gehobener Mittelstand, der es der Familie erlaubte die Sommer jeweils im Badeort Ängelholm zu verbringen.

Erik Lindegren, Mannen utan väg, Podium Förlag, Stockholm, 2000

Die literarischen Interessen von Erik Lindegren zeigten sich bereits sehr früh, denn er begann bereits im Gymnasium Gedichte für Heimdall, die Zeitschrift der Schule, zu schreiben und wurde auch deren Redakteur. Lindegrens Lyrik zeigte vom ersten Tag an eine modernistische Richtung, die er in gewisser Weise sein Leben lang fortsetzte.

Nach seinem Abitur und seinem Militärdienst in Gävle zog Erik Lindegren nach Stockholm und begann an der dortigen Universität Literaturgeschichte und Philosophie zu studieren, ohne jedoch je einen Abschluss zu machen. Statt der Universitätsstudien beschäftigte sich Lindegren einige Jahre lang privat mit Literatur, auch wenn unter seinen Werken dieser Zeit nur wenig veröffentlicht wurde und einige Romane nur als Fragmente entstanden. Lindegren beschäftigte sich mit dem europäischen Modernismus, lernte aber ab 1939 auch viel durch seine persönlichen Kontakte mit Artur Lundkvist und war insbesondere angezogen von der Lyrik Rabbe Enckells, den er 1937 in einer Künstlerkolonie getroffen hatte.

Im Jahre 1935 erschien dann mit Posthum ungdom die erste Gedichtsammlung von Erik Lindegren, ein Werk, das man mehr als Übungsbuch des Autors betrachten muss, da er hier eine rein akademische Dichtung bietet, die das Bild eines Dandy liefert, der das Leben nicht kennt. Später sollte der Autor dieses Werk, das nur durch die Unterstützung von Anders Österling erschienen war, kaum noch als sein eigenes erkennen.

Bei Kriegsausbruch zog Erik Lindegren, gemeinsam mit Lundkvist und Maria Wine in eine Villa in Dalarö, wo sie Rainer Maria Rilke übersetzten und eine Serie mit ausländischen Modernisten planten, die jedoch nie realisiert wurde. In diesen Jahren reifte jedoch auch die Dichtkunst Lindegrens und im August 1940 beendete er mit dem Lyrikband Mannen utan väg sein bedeutendstes Werk mit einer modernistischen, disharmonischen Bildsprache, die man in den 40er Jahren nur noch bei Gunnar Ekelöf in dieser Perfektion finden kann.

Das fertige Manuskript reichte Erik Lindegren bei Bonniers ein. Nach der Lektüre einiger der Gedichte lehnte der Verlag die Veröffentlichung jedoch ab, da die Lektoren die Lyrik Lindegrens für unverständlich hielten und den Dichter intern als Verrückten bezeichneten. Ein Jahr später konnte der Schriftsteller dann einige der Gedichte in der Zeitschrift Horisont veröffentlichen und 1942 entschied er sich, mit Hilfe des Geldes seines Vaters, das Werk im Selbstverlag zu veröffentlichen. Das Werk blieb nahezu unbeachtet, da, außer seinen Freunden, weder Kritiker noch das Publikum die Bedeutung von Mannen utan väg verstanden. Erst gegen Mitte der 40er Jahre entdeckten dann, unter anderem auch Bonniers, die Bedeutung dieses Meisterwerkes.

Im Jahre 1942 wurde Erik Lindegren bei der Kulturredaktion der Aftontidningen beschäftigt. Parallel dazu übersetzte er Werke von T. S. Elliot, William Faulkner, Saint-John Perse und erneut Rilke und er veröffentlichte eigene Essays und Gedichte bei Bonniers litterära magasin (BLM), Vi, Kulturfront und anderen kulturellen Zeitschriften. Als 1947 Lindegrens Gedichtsammlung Sviter erschien, war er einer der anerkanntesten modernistischer Dichter Schwedens geworden.

Nahezu gleichzeitig mit seinem Lyrikband Sviter erschien auch Deviser, ein Buch bei dem Erik Lindegren Gemälde der Halmstadgruppe mit eigenen Gedichten ergänzt und das als eines der Meisterwerke des Schriftstellers betrachtet wird. Im Folgejahr vertont Karl-Birger Blomdahl seine Gedichtsuite Pastoralsvit und Lindegran wird als Chefredakteur der neuen Kulturzeitschrift Prisma eingestellt.

Nach 1950 erscheint nur noch ein einziger Gedichtband von Erik Lindegren, da der Lyriker sich immer mehr auf Übersetzungen verlegt, als Opernlibrettist aktiv wird und für die Dagens Nyheter als Kulturrezensent zu arbeiten beginnt. Zu den wichtigsten Übersetzungen Lindegrens gehören in dieser Zeit Werke von Saint-John Perses, Nelly Sachs und Zbigniew Herbert.

Im Jahr 1962 wird Erik Lindegren, nach Dag Hammerskjöld, auf den Stuhl Nummer 17 der Svenska Akademien gewählt, einer Zeit in der er sich auch sehr im Nobelpreiskomitee engagierte. Bereits 1969 starb der Dichter dann jedoch, nach längerer Krankheit, an Krebs.

Copyright: Herbert Kårlin

30 maj 2013

Hjalmar Gullberg und das klassische Hörspiel in Schweden

Hjalmar Gullberg wurde am 30. Mai 1898 als Sohn des Großhändlers Gustaf Robert Alexander Brand und dessen Frau Hilda Lovisa Amalia Jonsson in Malmö geboren und nahm sich am 19. Juli 1961 im Alter von 63 Jahren bei Holmeja in Skåne das Leben. Gullberg war nie verheiratet, hatte jedoch mehrere bekannte Affären und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens gemeinsam mit Greta Thott.

Da die Eltern von Hjalmar Gullberg ihren Sohn nie anerkannten und auch wenig mit ihm zu tun haben wollten, wuchs er bei Pflegeeltern in Malmö auf. Seine wahre Herkunft wurde erst 1928, nach dem Tode der Eltern, einem Erbprozess und Zeugenaussagen, offiziell anerkannt. Da der Vater zum Wohlstand gekommen war, bot die Erbschaft Gullberg, der das Geld auf sichere Weise investierte, eine gewisse Garantie.

Hjalmar Gullber, Ögon, Läppar, Norstedts Förlag, Stockholm, 1959

Sein Abitur machte Hjalmar Gullberg im Jahre 1917 in Malmö, dem er ein neunjähriges Studium in Latein, Griechisch und Literaturgeschichte an der Universität Lund anschloss. Seine Begabung und seine künstlerische Neigung kamen überwiegend aus der elterlichen Linie, die Erziehung kam jedoch von den Pflegeeltern, was eine gute Mischung für den Schriftsteller war. Andererseits traf er seine Eltern hin und wieder und bekam Geschenke von ihnen, so dass sich bei Gullberg auch sehr früh das Gefühl der Ausgeschlossenheit bemerkbar macht, denn er lebte mit Eltern, die nicht seine waren und erfuhr, dass ihn die wahren Eltern ihn als „Kind ohne Mutter und Vater“ eintragen lassen hatten.

Das literarische Interesse zeigte sich bei Hjalmar Gullberg bereits im Gymnasium in Malmö, wo er nicht nur ein starkes Interesse für Schwedisch und die klassischen Sprachen zeigte, sondern sich auch mit den meisten Klassikern der Weltliteratur vertraut machte und begann Novellen zu schreiben.

Während seines Studiums in Lund traf Hjalmar Gullberg seinen Jugendfreund, den Historiker Ingvar Andersson, und kam mit dem Journalisten Ivar Harrie und dem Schriftsteller Sigrid (Tristan) Lindström in Kontakt. Die gesamte Gruppe spielte für die damals neu gegründete Studentenzeitschrift Lundagård eine wichtige Rolle. Gullberg trug als Redakteur mit Poesie, Scherzeinlagen und Prosa bei der Gestaltung der Zeitschirft bei. Gegen Ende seines Studiums begann sich Gullberg, neben der Poesie und der Prosa, insbesondere für das Theater zu interessieren und schrieb seine ersten Theatertexte.

Was die Gedichte von Hjalmar Gullberg besonders stark beeinflusste, waren die zahlreichen Reisen, die der Schriftsteller ab dem Jahre 1922 unternahm, die lediglich von Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurden, denn bei diesen Reisen sammelte er Eindrücke und in jedem Land, das er besuchte, beschäftigte er sich mit der Kultur und verfasste dort auch einige Gedichte. In der Lyrik des Autors entdeckt man in dieser Zeit sehr deutlich, dass Gullberg nicht nur von den verschiedenen Landschaften und den kulturellen Entwicklungen beeindruckt wurde, sondern er sich auch für die sozialen Strukturen und das Leben der Menschen dieser Länder interessierte. Das Erscheinen seiner Liebesgedicht, die während der Reisen entstanden, sind in der Regel mit einer bestimmten Frau zu verknüpfen, die er dort traf, auch wenn er keines dieser Verhältnisse aufrecht halten konnte.

Gegen Ende der 20er Jahre und ebenfalls unter dem Eindruck der Reisen, begann Hjalmar Gullberg mehrere antike Dramen von Euripides, Aristophanes und von Sophokles zu übersetzen, Dramen, die damals kaum auf schwedischen Bühnen gespielt worden waren. Dank Gullberg wurde Medea im Jahre 1934 erstmals in Schweden aufgeführt und fand den Zugang zum Stockholmer Dramaten. Im gleichen Jahr wurde Hjalmar Gullberg, auf Grund der Erfolge der klassischen Aufführungen, dann auch zum literarischen Berater des Dramaten ernannt.

Nur zwei Jahre später wurde Hjalmar Gullberg auch Direktor für Hörspiele des Schwedischen Rundfunks und bearbeitete zahlreiche seiner Übersetzungen, die im Dramaten gespielt worden waren, auch für den Rundfunk und schuf damit ein neues kulturelles Hörspiel, was allerdings nicht immer sehr positiv von seinen Kollegen aufgenommen wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs gelangte Hjalmar Gullberg auf seinen Höhepunkt und entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Autoren des Landes, was jedoch auch mit seinem Engagement beim Radio zusammenhing, da er weitgehend versuchte durch das Gedicht des Tages eine politische Aussage zu verbreiten ohne dass die Zensur eingreifen konnte. Sehr diskutiert wurde dabei die Wahl des Gedichtes Det eviga von Esaias Tegnér am Tag der deutschen Invasion in Norwegen. Niemand wagte ein Gedicht eines so bedeutenden schwedischen Autors zu verbieten, auch wenn Gullberg damit eine sehr eindeutige politische Position einnahm.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Hjalmar Gullberg seine Reisen wieder auf, die er ab 1950 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Greta Thott unternahm. Die letzte Reise sollte das Paar Gullberg-Thott im Jahre 1958 nach Sizilien führen, wo der Schriftsteller plötzlich Erlahmungserscheinungen spürte. Die Reise wurde abgebrochen und die beiden kehrten nach Schweden zurück. Im Krankenhaus in Lund stellte man dann fest, dass Gullberg an einer seltenen, unheilbaren Krankheit litt, die ihn langsam vollständig erlahmen lassen sollte. Als er aus diesem Grunde eine längere Zeit in einem Respirator leben musste, entschied er sich zu sterben und ertränkte sich im See Yddingen bei Holmeja.

Hjalmar Gullberg wurde im Jahre 1940 in die Svenska Akademien gewählt, wo er, nach Selma Lagerlöf, auf dem Stuhl Nummer 7 Platz nahm. Vier Jahre später wurde ihm auch die Ehrendoktorwürde der Universität Lund verliehen.

Copyright: Herbert Kårlin

29 maj 2013

Nils Fredrik Sander und populärwissenschaftliche Mythologie

Nils Fredrik Sander wurde am 26. September 1828 als Sohn des Landwirts Lars Nilsson und dessen Frau Cathrina Larsdotter in Vintrosa in Närke geboren und starb am 30. Mai 1900 im Alter von 71 Jahren in Stockholm. Sander war nie verheiratet.

Über die Kindheit und die Jugend von Nils Fredrik Sander ist nichts bekannt, außer dass er in  Örebro die Schule besuchte, dort 1850 die Hochschulreife ablegte um anschließend an der Universität Uppsala zu studieren. Sander beendete sein Studium im Jahre 1857 mit einem Magister in Philosophie und begann anschließend als Notar im Priesterstand zu arbeiten.

Nils Fredrik Sander, Foto: Ölands Hembygdsförbund, Himmelsberga, Fotograf: W. A. Eurenius & P. L. Quist, Stockholm, Sammlung: Familjen Hildebrand, Skedemosse, Köping, Öland

Wann Nils Fredrik Sander zu schreiben begann, ist ebenfalls nicht bekannt, sicher ist jedoch, dass er 1853, im Alter von 25 Jahren, der Svenska Akademien ein Manuskript mit 600 Seiten vorlegte damit diese seine Gedichte bewerten sollte. Die Lyrik von Sanders wurde nicht nur für sehr gut befunden, sondern die Akademie wählte auch 33 seiner Gedichte aus und verlieh ihm dafür den großen Preis der Svenska Akademien. Das gesamte Werk sollte dann jedoch erst im Jahre 1858 unter dem Titel Den fallande stjernan: sånger till Selma erscheinen.

Bereits am 1855 arbeitete Nils Fredrik Sander, gemeinsam mit Robert von Kraemer, Carl Rupert Nyblom und Carl August Strandberg am Poetischen Kalender Qvartetten mit und wiederum ein Jahr später veröffentlichte Sander seinen ersten Gedichtband unter dem Titel Karlvagnen in dem auch einige seiner Werke des Selma-Zyklus zu finden waren.

Dass Nils Fredrik Sander, der vom Elternhaus her keinerlei Beziehungen aufbauen konnte, bereits mit seinen Liebesgedichten an Selma einen so bedeutenden Erfolg hatten, kann mehrere Gründe haben, denn zum einen waren diese Gedichte sehr stark von Frans Michael Franzén und von Bernhard Elis Malmström beeinflusst, die beide bereits früher den großen Preis der Svenska Akademien erhalten hatten, und zum anderen konnte er bereits während seines Studiums die Bekanntschaft von Oscar II. machen, dem Sander wertvolle Tipps gab als dieser eine Gedichtsammlung bei der Akademie einreichen wollte.

Nach der Veröffentlichung der Gedichtsammlung an Selma im Jahre 1958 bleibt der Dichter längere Zeit stumm. Als Nils Fredrik Sander dann 1870 erneut an die Öffentlichkeit tritt, hat er eine bedeutende Wandlung erlebt, denn Sander hat sich in der Zwischenzeit sehr intensiv mit der neugriechischen Literatur und vor allem mit der nordischen Mythologie beschäftigt und er wirkt sowohl als Übersetzer als auch als wissenschaftlicher Autor, der mehrere sehr bedeutende Studien über die Edda vorlegt. Mit seiner Übertragung der Sage Sämund den Vises Skaldeverk gelingt es Sanders nicht nur ein historisches Werk in modernem Schwedisch zu präsentieren, sondern er kann auch 25 Künstler dazu gewinnen, das Werk mit 170 Zeichnungen zu ergänzen.

In dieser zweiten Schreibphase von Nils Fredrik Sander entstehen nur noch wenige Gedichte und der Autor entwickelt sich mehr und mehr zu einem wissenschaftlichen Schriftsteller, der die schwedische Vorzeit wieder lebendig macht. Da Sanders jedoch nur mit den ältesten Texten arbeitet und die Sagen und Skaldenstücke auf eine neue Weise interpretiert und übersetzt, gewinnt er in dieser Zeit zahlreiche Feinde, die den „klassischen“ Weg Schwedens in der Mythologie sehen wollen und keine Modernisierung.

Die modernen Übersetzungen der nordischen Mythologie waren auch das größte Hindernis für eine Wahl in die Svenska Akademien, denn diese Werke wurden damals als persönliche Phantasie des Autors betrachtet. Erst als Nils Fredrik Sander davon Abstand genommen hatte, wurde er 1889, nach Vilhelm Erik Svedelius, auf den Stuhl Nummer 7 der Akademie gewählt.

Als Nils Fredrik Sander seine mythologischen Werke schrieb, schuf er im Grunde, parallel zu Viktor Rydberg, eine neue Art der Literatur, denn er bearbeitete historischen Stoff mit romantechnischen Methoden und legte daher mehr Wert auf das Verständnis eines Textes als seine wörtliche Übersetzung, was auch Ende des 19. Jahrhunderts noch einen Widerstand unter den Historikern und Politologen verursachte, die in der nordischen Mythologie immer noch den Ursprung der Welt sahen und für die die Edda mit einer Bibel oder einem Koran verglichen werden muss, die nicht interpretiert werden durften.

Nils Fredrik Sander gehört zu den schwedischen Schriftstellern, die heute nahezu vergessen sind und nur noch wenige seiner Gedichte werden in den Anthologien zur schwedischen Dichtkunst aufgenommen. Dies liegt jedoch nicht nur daran, dass er ab 1870 zur populärwissenschaftlichen Literatur überging, sonder auch daran, dass er sich damit mehr und mehr von den einflussreichen Kreisen des Landes entfernte, ein Problem, das ihn gewissermaßen bis heute verfolgt, da Literaturwissenschaft selten Forschung bedeutet, sondern herkömmliche Linien zu übernehmen.

Copyright: Herbert Kårlin

28 maj 2013

Ragnar Jändel, der religiöse Arbeiterdichter Schwedens

Ragnar Jändel wurde am 13. April 1895 als Sohn des Malers Johan August Jändel und dessen Frau Kristina Jonasdotter in Jämjö in Blekinge geboren und starb am 6. Mai 1939 in Ronneby bei Stockholm. Jändel war in erster Ehe mit Anna Eugenia Lind und in zweiter Ehe mit der Lehrerin Alice Sofia Cecilia Lie verheiratet.

Die Kindheit von Ragnar Jändel war von Armut, einem unberechenbaren Alkoholiker als Vater, einem dominanten launischen Bruder und einer Mutter, die den Trost in der Religion suchte, geprägt. Da der Vater relativ früh starb, war es für die Mutter jahrelang sehr schwierig die Familie über Wasser zu halten, was für die fünf Geschwister bedeutete, dass sie sich so schnell wie möglich selbst versorgen mussten.


Mit 14 begann Ragnar Jändel daher eine Ausbildung zum Friseur, die er jedoch nach einem Jahr beendete. Anschließend begann er als Maler zu arbeiten, erst im Heimatort, anschließend in Stockholm, wobei er noch in seiner Jugend zu einem überzeugten Sozialist geworden war und in mehreren revolutionären Arbeiterzeitungen Kampfgedichte veröffentlichte. Auf diese Weise konnte er auch während eines Winterkurses an der Brunnsviks Folkhögskolan seine Bildung verbessern, eine Voraussetzung für seine spätere literarische Leistung.

An der Volkshochschule beschäftigte sich Ragnar Jändel vor allem mit der schwedischen und der russischen Literatur. Auch wenn Jändel sehr in sich gekehrt war, so lernte er in diesem Winter Dan Andersson und Harry Blomberg kennen, die gemeinsam mit ihm an der Brunnsviks Folkhögskolan waren und sich zu guten Freunden entwickelten. In dieser Zeit reifte bei Jändel auch die Gewissheit, dass es für ihn nur einen Beruf gab, nämlich den des Dichters und Schriftstellers.

Als Literat trat Ragnar Jändel erstmals im Jahre 1917 in Erscheinung, mit seiner Gedichtsammlung Till kärleken och hatet, die zwar bereits seine Einstellung zur Gesellschaft zeigte, jedoch noch weit entfernt von seiner späteren Leistung war. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass dieser erste Band noch erschien bevor der Schriftsteller seine Schulbildung an der Volkshochschule ergänzt hatte.

Aber auch wenn Ragnar Jändel die ersten Jahre nur mit Mühe überleben konnte, da seine literarische Arbeit kaum etwas einbrachte und der Autor im Jahre 1919 zudem geheiratet hatte und nach Uppsala umgezogen war, so hatten seine Kampfgedichte durch die Ausstrahlung der Ehrlichkeit und eines tiefen Empfindens einen bedeutenden Einfluss auf zahlreiche Arbeiterdichter, die nach ihm an die Öffentlichkeit traten. Selbst Vilhelm Moberg war von der Lyrik Jändels so beeindruckt, dass er ihn als Wegbereiter bezeichnete.

Da Ragnar Jändel jedoch bereits mit seinem dritten Gedichtband den Kampf der Arbeiter mit starken religiösen Zügen verbindet, wird er ab 1919 von seinen sozialistischen Freunden verlassen und die revolutionären Zeitschriften Brand und Stormklocken weigern sich seine neueren Werke zu veröffentlichen. Jändel betrachtet nun den Sozialismus als einseitig, da die dominante Arbeiterbewegung dem Glauben abgeschworen hat, der Schriftsteller diesen jedoch als Quelle des sozialistischen Gedanken betrachtet.

Dieser Bruch mit dem Sozialismus ist für die literarische Leistung Ragnar Jändels sogar von Vorteil, denn zwischen 1920 und 1931 schreibt er nun neun Gedichtbände und vier Romane. Der Schriftsteller geht nun von kämpferischen Gedichten auf Naturromantik über  und beginnt Essays zu schreiben. Obwohl der Schriftsteller nun seine eigene Sprache gefunden hat, so spürt man an manchen Stellen auch die Einflüsse von Dan Andersson, Vilhelm Ekelund und Sigbjørn Obstfelder, drei Personen, die er für ihre literarischen Arbeiten bewundert und als geistige Lehrer betrachtet.

Als im Jahre 1931 die Mutter von Ragnar Jändels plötzlich stirbt und er selbst sehr schwer krank wird, bricht für den Schriftsteller eine Welt zusammen und wenige Jahre später, nach einer depressiven und verzweifelten Phase, verlässt er seine Frau und seine gewohnte Umgebung und will neue Wege gehen, denn unerklärlicherweise fühlt er sich nun von allen Freunden verraten, inklusive von seiner Frau.

Seine beiden folgenden Gedichtsammlungen Malört und Stenarna blomma sind eine Art Aufarbeitung seiner Probleme, die so langsam in neue Hoffnungen übergehen. Ragnar Jändel hat nun zu einem Naturrealismus gefunden und er legt die religiösen Tendenzen fast vollkommen ab. Bevor der Schriftsteller nun jedoch diesen neuen literarischen Weg wirklich beschreiten kann, stirbt er im Alter von nur 44 Jahren.

Ragnar Jändel gehört mit zu den ersten Arbeiterliteraten Schwedens und hat, obwohl er heute relativ unbekannt ist, sehr viele andere Autoren beeinflusst. Seine Sprache war immer sehr einfach gehalten und dadurch auch für jene verständlich, die, wie Jändel selbst, nur eine minimale Schulbildung hatten, aber die Bedeutung der Literatur verstanden hatten und Werke suchten, die auch ihrer eigenen Seele entsprachen. Einige seiner bedeutendsten Gedichte wurden ab 1982 von Björn Wikholm auch vertont.

Copyright: Herbert Kårlin

27 maj 2013

Walter Hülphers, vom sozialkritischen Autor des Nordens zur Mystik

Walter Hülphers wurde am 29. Juli 1871 als Sohn des Buchhalters Walter Sebastian Hülphers und dessen Frau Charlotta Bergöö in Styrnäs in Västernorrland geboren und starb am 7. Mai 1957 in Hagfors im Värmland. Hülphers war ab 1907 mit Oktavia Flora Grey verheiratet.

Die Kindheit und Jugend verbrachte Walter Hülphers in einem extrem konservativen religiösen Milieu aus dem er sich erst nach seiner Hochschulreife im Jahre 1890 in Hörnösand befreite, als er erst an der Universität in Uppsala und anschließend jener in Stockholm Naturwissenschaften studierte und die er 1895 beendete, ohne sich jedoch in irgendeiner Weise auf eine wissenschaftliche Karriere vorbereitet zu haben.

Walter Hülphers, Ockulta noveller, Svenska teosofiska Bokförlaget, Stockholm, 1921

Während Walter Hülphers nach Abschluss seiner Studien erst bei der Västernorrlands Allehanda (1896 - 1898) und anschließend beim Nyaste Kristianstadsbladet (1889 - 1899) als Journalist arbeitete, begann seine literarische Karriere im Jahre 1899 mit der Novellensammlung Linier och dagar, die sehr stark von den romantischen Wildmarkserzählungen von Pelle Molin beeinflusst waren.

Bei seinen folgenden Werken blieb Walter Hülphers zwar bei Wildmarkserzählungen, die in gewisser Weise die industrielle Entwicklung des Ångermanälven als Ausgangspunkt hat, aber Hülphers entfernt sich vom Einfluss Molins und seine Bücher nehmen einen sozialen Einschlag an, was ihn zwar nicht zu einem Arbeiterschriftsteller macht, ihn aber auf die Seite der Arbeiterbewegung stellt, der in seinen Werken sehr früh die Entwicklung der Forstwirtschaft kritisiert. Am deutlichsten tritt dies bei seinem Roman Timmer aus dem Jahre 1906 hervor, der von manchem Literaturwissenschaftler auch als sein Hauptwerk bezeichnet wird.

Bei den lyrischen Werke von Walter Hülphers ab 1910 spürt man, dass diese Gedichte mit autobiographischen Zügen nicht nur von der Philosophie Friedrich Nietzsches beeinflusst wurden, sondern auch seinen ständigen Kampf mit der religiösen Erziehung, die er erhielt, und seinen Bestrebungen sich vollkommen von Religion zu lösen, ohne dass ihm dies in letzter Konsequenz gelingt. Die Werke, die Hülphers in diesen Jahren veröffentlicht, zeigen eine enorme Breite, die von der selbstgewählten Isolation bis zum revolutionären Kampf der Arbeiter reichen. Neben der Lyrik beginnt der Schriftsteller nun allerdings auch Dramen zu schreiben, die alle einen politischen Einschlag unter geschichtlichen Aspekten haben.

Während des Ersten Weltkriegs und vor allem während des Finnischen Bürgerkriegs im Jahre 1918, an dem Walter Hülphers auch als Freiwilliger teilnimmt, entwickelt sich der Schriftsteller immer mehr zu einem nationalen Fanatiker, der in seinem Roman Med svenska brigaden beschreibt, dass er ein Gewehr ebenso zärtlich behandelt wie eine geliebte Frau. Diese nationalistische Einstellung wird von seinen Freunden aus den literarischen Kreisen Schwedens allerdings kaum geschätzt und einer nach dem anderen wendet sich von Hülphers ab.

Die Isolation in der sich Walter Hülphers anschließend befand, führte ihn erst zu Gott zurück und anschließend in die Mystik und den Okkultismus. Auch hier wählt der Schriftsteller wieder die extremste Seite und in einem Brief an Carl Lindhagen bezeichnet er sich als der Führer des Geheimbundes der Rosenkreuzer im nordischen Raum. Unter diesem Einfluss entstehen dann auch die letzten Bücher Hülphers, die von der Überzeugung des Autors sprechen, dass das Leben der Menschen von unerklärlichen Kräften beeinflusst und gesteuert wird.

So unterschiedlich seine Werke mit ihren Aussagen sind, so unterschiedlich waren auch die politischen und religiösen Meinungen von Walter Hülphers im Laufe seines Lebens, denn der Schriftsteller konnte sich mit keiner der Denkweisen oder Philosophien seiner Zeit vollkommen anfreunden. Während der Hülpher innerlich ständig mit dem Zweifel kämpft, sind seine Werke eine Art Chronologie seiner Entwicklung.

Mit dem Mystizismus verlor Walter Hülphers allerdings auch einen Großteil seiner Leser, da diese der Denkweise des Autors nicht mehr folgen konnten und der Zweite Weltkrieg sie auch weit von der Mystik und dem Okkultismus entfernt hatten. Um weiterhin vom Schreiben leben zu können, war Hülphers daher nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen als Kritiker für Film und Literatur für verschiedene schwedische Zeitschriften und Zeitungen zu arbeiten, sowie für die Västmanland Läns Tidning tägliche Verse zu schreiben.

Auch wenn nahezu jeder Literaturwissenschaftler die literarischen Leistungen von Walter Hülphers beachtlich findet, wird der Autor nur in wenigen Abhandlungen zur schwedischen Literaturgeschichte behandelt, denn er kann in keiner Gruppe an Autoren untergebracht werden und er folgte keiner der offiziellen literarischen Linien. Erst in den letzten Jahren gewinnt der Autor in Nordschweden wieder einen gewissen Ruhm, da man versucht die Leistungen der Dichter und Schriftsteller des nördlichen Schwedens innerhalb der schwedischen Literatur erneut hervorzuheben.

Copyright: Herbert Kårlin

26 maj 2013

Kerstin Hed, die erste Bauerndichterin Schwedens

Kerstin Hed, das Pseudonym von Hilda Gunilla Olsson (geborene Fredriksson), wurde am 21. Mai 1890 als Tochter des Landwirts Kers Fredrik Jansson und dessen Frau Johanna Ersdotter in Hedemora geboren und starb am 15. August 1961 ebenfalls in Hedemora in Dalarna. Die Schriftstellerin war ab 1916 mit dem Landwirt Anders Olsson verheiratet übernahm mit ihrem Mann den Hof der Eltern.

Hilda Gunilla Olsson setzte ihr Pseudonym aus dem Namen des Hofes der Famile, Kers, und dem Gemeindenamen Hedemora zusammen. Obwohl Kerstin Hed als einfache Bauerntochter nur eine minimale Bildung hatte, die sie 1909 mit einem dreimonatigen Kurs an der Volkshochschule etwas verbesserte, schrieb sie ihr erstes ländlich geprägtes Gedicht bereits im Alter von neun Jahren, das bereits in der Södra Dalarnes Tidning veröffentlicht wurde. Wie das Mädchen auf die Idee kam Gedichte zu schreiben, ist leider nicht bekannt, da es im elternhaus kaum Bücher gab.

Kerstin Hed, Kvinnor vid älven, LTs förlag, 1955

Noch bevor Kerstin Hed ihren Mann getroffen hatte, erschien 1913 ihr erster Gedichtband Från stigarna, ein Band der vor allem dadurch überzeugt, weil Hed zu einer beschreibenden ländlichen Dichtkunst greift, der jede Nostalgie abgeht. Da die Lyrikerin keinerlei Kontakte mit anderen Schriftstellern hat und über keine literarische Ausbildung verfügt, von der kurzen Begegnung mit der Literatur an der Volkshochschule abgesehen, sind ihre Gedichte authentisch und wuchsen aus Beobachtungen, denen Hed eine poetische Form gibt.

Da Kerstin Hed auch nach der Ehe weiterhin auf dem Hof arbeiten muss, bedeutete dies, dass an erster Stelle Tiere, Ernte und Hausarbeit kamen und die Dichtkunst nur in den wenigen Momenten zwischen zwei Arbeiten Platz hatte. Hed entwickelte ihre Gedichte irgendwann im Laufe des Tages und zeichnete sie nachts auf, dann wenn alle anderen schliefen und sie sich ungestört an die Formulierungen machen konnte. Trotz dieser Schwierigkeit der literarischen Tätigkeit ist die Anzahl ihrer Gedichtbände beachtlich, denn sie veröffentlichte 17 Lyrikbände, zwei Romane und arbeitete an drei Gedichtanthologien mit.

Die Gedichte von Kerstin Hed kreisen ausschließlich um das Landleben und verleihen dem ländlichen Denken und Leben eine Tiefe, die in der schwedischen Literatur ungewöhnlich ist, zumal die großen Dichter des Landes das schwedische Land in der Regel idealisieren oder missachten. Hed ist auf dem Lande aufgewachsen, sie hat es nie verlassen, sie gehört selbst zur Schicht der Bauern und man spürt daher mit jedem Vers, dass sie dieses Leben liebt und auch den einfachsten Dingen Poesie abgewinnen kann ohne sie zu idealisieren.

Ähnlich wie das Landleben Sonne, Regen und Schnee kennt, so vielfältig sind auch die Themen, die Kerstin Hed bearbeitet, denn man findet in ihren Gedichten Hoffnung, Gemeinschaft und Ironie ohne dass die Lyrikerin dabei in die Vergangenheit blickt. In ihren Werken findet man das einfache Landleben, die Armut nach einer Missernte, die Freude eines Festes und das Erwachen der Natur. Hed malt in ihren Werken die Portraits der Landbevölkerung, ein Bild, das nahezu einmalig innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte ist.

Da Kerstin Hed ohne „Leitfaden“ zur Dichtkunst gefunden hat, sind ihre Werke nicht in die Schablonen der Literaturwissenschaftler zu pressen, was allerdings auch dazu führt, dass die Autorin nur in wenigen Darstellungen der schwedischen Literatur erwähnt wird, obwohl Hed 1955 mit der begehrten Medaille Illis quorum ausgezeichnet wurde und Mitte des letzten Jahrhunderts noch als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Schwedens betrachtet wurde.

Den größten Erfolg hatte Kerstin Hed mit ihrem Gedicht Spel-Olles gånglåt aus dem Jahre 1923, das nicht nur mehrmals vertont wurde und dem es 1963 gelang 30 Wochen lang in den Svensktoppen zu bleiben, ein Lied das noch heute jeder Schwede kennt, auch wenn dabei nur noch wenige an die Bauerndichterin Kerstin Hed denken.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

25 maj 2013

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und die Sagen des Småland

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius wurde am 18. Mai 1818 als Sohn des Prosten Carl Fredrik Cavallius und dessen Frau Anna Alisabeth Hyltenius auf dem Gut Hönetorp in Vislanda geboren und starb am 5. Juli 1889 im Alter von 71 Jahren in Skatelöv im Småland. Hyltén-Cavallius qar ab 1847 mit Maria Sofia Margaretha Haeggström verheiratet.

Bereits im Alter von sieben Jahren wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius in die die Volksschule in Växjö geschickt, der Stadt, in der er 1834, nach dem Besuch des Gymnasiums, auch die Hochschulreife machte. Trotz der relativ geringen Einkünfte der Eltern war Hyltén-Cavallius der einzige der Geschwister, dem sie anschließend ein Studium an der Universität Uppsala finanzierten, das er 1839 mit einem Magister in Philosophie beendete.

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, Gemälde von N. J. Ollson Blommér, 1847, Foto: SPA, Schwedisches Reichsarchiv

Als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, der auf Wunsch des Großvaters mütterlicherseits sowohl den Familiennamen des Vaters als auch jenen der Mutter angenommen hatte, in den Jahren 1835 und 1836 einige Male als Privatlehrer im Södermanland tätig war, lernte er den Priester und Volkstumsforscher Arvid Geijer-Afzelius kennen, der in ihm das Interesse für die volkstümliche Geschichte Schwedens weckte, ein Interesse, das über die gesamte Zukunft von Hyltén-Cavallius entscheiden sollte.

Ab dieser Zeit nutzte Gunnar Olof Hyltén-Cavallius seine Freizeit um in den Dörfern Smålands nach Sagen, Volksweisen, Rätseln, dialektalen Ausdrücken und Redensarten zu suchen und sie zu sammeln, eine Arbeit, die er an der Universität in Uppsala für seine Prüfungen vorlegte und unter dem Titel  Vocabularium Værendicum in zwei Teilen veröffentlicht wurde.

Nach Abschluss seines Studiums im Jahre 1839 wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius an der Königlichen Bibliothek angestellt, eine Arbeit, die er 17 Jahre lang ausübte. Bis zu seiner Ehe wohnte der Schriftsteller bei George Stephens, der ihn bei seiner Arbeit ermunterte und gemeinsam mit ihm die Bücher Svenska folksagor och äfventyr und Sveriges historiska och politiska visor herausgab, Sammlungen von Sagen und Märchen, die von den Werken der Brüder Grimm inspiriert waren. Bei diesen beiden Werken war Hyltén-Cavallius für die Texte verantwortlich und Stephens für wissenschaftliche Anmerkungen und Kommentare.

Während der Zeit als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bei der Königlichen Bibliothek beschäftigt war, sammelte er nicht nur weiterhin Sagen, sondern er wurde Mitgründer mehrere Vereine, die sich mit der schwedischen Geschichte beschäftigten, hielt Vorträge und wurde auch politisch aktiv, was dazu führte, dass Hyltén-Cavallius 1847 eine Pensionskasse für Künstler gründete.

Politik war im Grunde nicht das Gebiet von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, aber der Schriftsteller entdeckte sehr früh, dass man nur über die Politik wirklich Karriere machen kann. Hyltén-Cavallius wird König Oscar I. vor allem deswegen bekannt, weil der Schriftsteller sehr aktiv für die Presse arbeitet und sich dabei, im Strom der Zeit, als Anhänger des Skandinavismus auszeichnet und in royalistischen Kreisen verkehrt. Oscar I. ernennt den Ethnologen zum Intendanten des Königlichen Theaters, wo er mit Misstrauen aufgenommen wird und mangels Fähigkeiten bald auch stark kritisiert wird. Als daher Karl XV. An die Macht kam, verließ er das Theater und wurde bald darauf Generalkonsul in Brasilien, was ihn allerdings weit von den Arbeiten entfernte, die ihm am meisten am Herzen lagen.

Der Aufenthalt in Brasilien war dann jedoch relativ kurz, da Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bereits 1862, nach nur 17 Monaten, wegen einer Nervenentzündung zurück nach Schweden musste. Zwei Jahre später zog sich der Schriftsteller zurück in seine Heimat im Småland und 1871 übernahm der den Hof seines Geschlechtes in Skatelöv.

Zurück in seiner Heimat machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nicht nur an die Landarbeit, sondern er sammelte auch alte Gerätschaften, Werkzeuge, Handwerk und andere Gegenstände, die in der Volksgeschichte Smålands eine Rolle spielten. Am 3. Februar 1867 vermachte er seine gesamte Sammlung dem Domkapitel in Växjö und gründete damit das erste Volkskundemuseum Schwedens, das heutige Smålands Museum.

Literarisch gesehen machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nun auch daran, seinen Jugendtraum zu verwirklichen, nämlich die gesamte Geschichte des Småland aufzuzeichnen, ein Projekt, das er jahrelang liegen gelassen hatte, da Peter Wieselgren einen entsprechenden Auftrag erhalten hatte als Hyltén-Cavallius noch sein Projekt vorbereitete.

Im Jahre 1863 begann Gunnar Olof Hyltén-Cavallius dann jedoch an seinem bedeutendsten Werk zu arbeiten, das er 1868, nach rund 1000 Seiten, beendete. Auch wenn der Schriftsteller in seinem Buch Trolle und Riesen mit der Mythologie und der Geschichte Smålands verknüfte, was schon damals wissenschaftlich nicht haltbar war, so schuf Hyltén-Cavallius mit Während och wirdarne ein Grundlagenwerk der Ethnologie, das bis heute seine Bedeutung nicht verloren hat. Hinzu kommt, dass der Autor mit diesem Werk ein  Interesse an der schwedischen Volkskultur weckte und zudem sehr vielen späteren Autoren die Grundlage für die Sagen- und Märchenforschung Schwedens bot.

Copyright: Herbert Kårlin

24 maj 2013

Hilma Angered-Strandberg und die schwedischen Auswanderer

Hilma Angered-Strandberg, geborene Strandberg, wurde am 10. Juni 1855 als Tochter des Justizienrates Karl Gustav Strandberg und dessen Frau Eva Helleday in Stockholm geboren und starb am 23. Januar 1927 in Meran in Südtirol. Angered-Strandberg war ab 1888 mit dem Landschaftsmaler Hjalmar Angered verheiratet.

Während der Vater poetisch veranlagt war, seiner Tochter Gedichte vorlas und die Sagen Homers erzählte, war die Mutter streng religiös und versuchte die Tochter von ihrer Phantasie zu befreien, was dazu führte, dass die Erziehung in zwei entgegengesetzte Richtungen lief, eine Situation, die Hilma Angered-Strandberg bis zum Lebensende nicht vollständig überwunden hatte und ihre Werke stark beeinflusste.

Hilma Angered-Strandberg, Foto: J. Hammarstrand, Falköping, aus Idun Nr. 20, 1912

Erst besuchte Hilma Angered-Strandberg die Volksschule in Stockholm, anschließend hatte sie in Småland Privatunterricht und als die Eltern im Jahre 1874 starben, arbeitete die spätere Schriftstellerin einige Jahre lang in reichen Gütern Skånes als Gesellschaftsdame. In dieser Zeit begann Angered-Strandberg romantische Novellen für die Göteborgs Handelstidning zu schreiben, die Viktor Rydberg als pubertäre Schreiberei bezeichnete und zu der auch die Schriftstellerin selbst später nicht mehr stand. Alle ihre Werke dieser ersten Schreibphase erschienen allerdings auch unter einem Pseudonym.

In der Zeit, in der Hilma Angered-Strandberg als Gesellschaftsdame arbeitete, machte sie auch eine Ausbildung als Telegrafistin, einem der wenigen Berufe, der einer Frau zu dieser Zeit offen stand und eine hohe Allgemeinbildung voraussetzte. Diese Ausbildung führte die Schriftstellerin 1883 nach Fjällbacka, wo sie in die zweite und weitaus reifere Phase als Schriftstellerin eintrat.

Der Umzug nach Fjällbacka stürzte die für jene Zeit modern denkende Frau in eine Welt, die sie sie nicht kannte und die wie das Mittelalter auf sie wirken musste. Da Hilma Angered-Strandberg kein Gefühl für die Tabus des Landes hatte, schrieb sie realistische Novellen über das Leben in Fjällbacka, die in der Göteborgs Handelstidning veröffentlicht wurden. Auch wenn die Schriftstellerin sowohl den Ortsnamen als auch die Namen der Handelnden veränderte, wusste man in Fjällbacka sehr schnell wovon die Autorin sprach und wer bei einer Erzählungen die Hauptfigur war. Als Skandalautorin gebrandmarkt und allgemein von der Gemeinschaft ausgestoßen konnte Angered-Strandberg nach einigen schwerwiegenden Drohungen nur noch aus Fjällbacka fliehen. Im Jahre 1887 sammelte die Autorin dann jedoch alle Novellen zu Fjällbacka und legte das Buch Västerut vor, die vermutlich beste neutrale Schilderung Fjällbackas aus dem Ende des 19. Jahrhundert, die man heute in der schwedischen Literatur findet.

Von 1888 bis 1894 lebte Hilma Angered-Strandberg mit ihrem Mann, den sie bei einem seiner Aufenthalte in Fjällbacka kennengelernt hatte, in den USA. Als die Schriftstellerin jedoch wegen einer Krankheit zurück nach Schweden kam, machte sich Angered-Strandberg unmittelbar daran ihre Eindrücke und Erlebnisse aufzuzeichnen. Das Ergebnis waren drei Bücher über die „Neue Welt“, die nicht das Idyll in Amerika zeigten, sondern amerikanische Schicksale und Schicksale der Einwanderer. Die schwedischen Kritiker bezeichnen diese Bücher geradezu als Meisterwerke, da sie nüchtern über das Leben in den USA berichten und vom Stil und Inhalt her den Leser fesselten.

Auf Grund der Stärke der Amerika-Bücher verlieren die Folgewerke von Hilma Angered-Strandberg an Wirkung, auch wenn ihr autobiographisches Fragment När vi började einen Einblick in das bürgerliche Stockholm-Leben ihrer Kindheit bietet und auch die Italien-Schilderungen in der Zeitströmung lagen. Das Problem, dass der Stern der Autorin um diese Zeit sank, lag vor allem daran, dass ihre Bücher von Elend, Armut und Leid dominiert waren und die Schriftstellerin zu viel in ihren Romane unterbringen wollte. Hilma Angered-Strandberg gelingt es mit ihren letzten Büchern immer weniger einen großen Leserkreis anzusprechen, da sie ihrem Charakter und ihren Ideen treu bleibt, der Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch eine Zeit des Umbruchs ist und die Leser von Büchern erheitert werden wollen.Auch die politischen Änderungen lassen vielen das Elend anderer vergessen.

Hilma Angered-Strandberg war, trotz einiger bedeutender Werke kurz vor der Jahrtausendwende, gegen Ende ihres Lebens nahezu vergessen und wurde erst in den letzten zehn Jahren wieder neu entdeckt, da sich immer mehr Schweden für die Geschichte des Landes interessieren und auch Camilla Läckberg mit ihren Kriminalromanen Fjällbacka wieder in aller Munde brachte, einen Ort, über den bereits 130 Jahre vorher eine Frau eine Art Krimi geschrieben hat, auch wenn der damalige Krimi aus dem tatsächlichen Leben gegriffen war und die Autorin als „Hexe“ vertrieben wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

23 maj 2013

Pär Lagerkvist und ein Leben ohne Gott

Pär Lagerkvist wurde am 23. Mai 1891 als Sohn des Eisenbahnvorarbeiters Anders Johan Lagerquist und dessen Frau Johanna Blad in Växjö geboren und starb am 11. Juli 1974 in Danderyd. Lagerkvist war in erster Ehe mit der Dänin Karen Dagmar Johanne Sørensen verheiratet und in zweiter Ehe mit der Lehrerin Elin (Elaine) Luella Hallberg.

Die Kindheit von Pär Lagerkvist war von einem konservativ religiösen Elternhaus geprägt in dem es außer der Bibel und den Psalmbüchern keine Literatur gab, da diese Bücher alle Weisheiten bereits enthielten. Da der spätere Schriftsteller der Jüngste unter den sieben Geschwistern waren, war er der einzige unter ihnen denen die Eltern eine Ausbildung finanzieren konnten. Lagerkvist machte daher 1910 in Växjö die Hochschulreife und schrieb sich ein Jahr später an der Universität in Uppsala für Kunstgeschichte ein, ohne jedoch das Studium je zu Ende zu machen. Seine Jugend beschreibt der Schriftsteller später in seinem autobiographischen Werk Gäst hos verkligheten.

Pär Lagerkvist, Gäst hos verkligheten, Albert Bonnier Förlag (Serie Delfin), Stockholm, Originalausgabe 1925

Bereits am Gymnasium in Växjö machte Pär Lagerkvist die Bekanntschaft des Sozialismus und des Darwinismus, was sehr schnell dazu führte, dass er die religiöse  Lehre seiner Eltern ablehnte und Religion als Unterdrückung empfand, die die Angst vor dem freien Leben schürt. In diesen Jahren entwickelte sich Lagerkvist auch zu einem Revolutionär, der nicht mehr ohne rotes Tuch um den Hals zu sehen war und ab 1912 revolutionäre Gedichte zu veröffentlichen begann.

Schon als Jugendlicher hatte sich Pär Lagerkvist dafür entschieden Schriftsteller zu werden, was jedoch ein langer Weg werden sollte, da ihn seine Eltern nicht unterstützen konnten. Nach der Hochschulreife lebte Lagerkvist vor allem von seinem Bruder, der als Lehrer ein regelmäßiges Einkommen hatte und an die Zukunft seines Bruders als Schriftsteller glaubte. Über eine längere Epoche hinweg wohnte der Autor nahezu ausschließlich bei seinem Bruder in Vittinge.

Außer einer kurzen Anstellung als Theaterkritiker beim Svenska Dagbladet hatte Pär Lagerkvist nie ein regelmäßiges Einkommen oder eine Anstellung und nahezu zwanzig Jahre lang war es ihm nahezu unmöglich vom Schreiben zu leben, denn seine ersten Bücher waren keinerlei Verkaufserfolg. Erst während der 30er Jahre, als Lagerkvist seine zweite Ehe eingegangen war, begann sich das Blatt für den Schriftsteller zu wenden und insbesondere sein Roman Bödeln kam in mehreren kurz aufeinander folgenden Auflagen heraus. Auch wenn Lagerkvist nun halbwegs vom Schreiben leben konnte, so erschien selbst sein Roman Dvärgen in erster Auflage gerade einmal mit 7000 Exemplaren, was kaum mit dem Erfolg eines Vilhelm Moberg zu vergleichen war, der um diese Zeit sein Hauptwerk über die schwedischen Auswanderer ebenfalls noch nicht geschrieben hatte.

Auch wenn Pär Lagerkvist die Religion hinter sich gelassen hatte, so zeigte er sein Leben lang ein großes Interesse an biblischen und mythologischen Erzählungen, was sich auf seine gesamte Produktion auswirkte. Im Gegensatz zu religiösen Autoren setzt der Schriftsteller jedoch den Menschen in Situationen, die kein Gott mehr steuert und die Existenz des Menschen unter der Philosophie von C. G. Jung betrachtet wird und sozialistische Theorien die Umstände regeln.

Der literarische Aufstieg von Pär Lagerkvist nahm mit der Machtübernahme Hitlers, dem Jahr als Lagerkvist seinen Roman Bödeln veröffentlichte, einen starken Rückschlag, denn das nationalistische Schweden der Zeit steht mehrheitlich auf Hitlers Seiten und Lagerkvists antifaschistischer Kampf lässt den Autor nahezu als Feind des Landes erscheinen, was auch dazu führt, dass die Studenten des Landes verhindern, dass der Schriftsteller den Fröding-Preis erhält.

Auch wenn Pär Lagerkvist bereits 1940 in die Svenska Akademien gewählt worden war, wo er nach Verner von Heidenstam auf dem Stuhl Nummer 8 Platz nahm, kam seine Anerkennung als Schriftsteller erst mit Barabbas im Jahr 1950, als Lagerkvist nahezu 60 Jahre alt war. In Barabbas zeigt Lagerkvist das Leben ohne Gott in seiner letzten Konsequenz. Das Werk hinterlässt in Schweden einen so starken Eindruck, dass es innerhalb von zwölf Jahren zweimal verfilmt wird.

Seinem Meisterwerk Barabbas verdankte Pär Lagerkvist letztendlich auch den Nobelpreis in Literatur, was dem Autor endgültig eine internationale Anerkennung bringt. Auch in Schweden hat man mittlerweile die Tiefe seiner Werke verstanden und der Nationalismus Schwedens der 30er Jahre war mittlerweile auf dem Weg in das Sozialstaatdenken.

Die Werke von Pär Lagerkvist können als zeitlos betrachtet werden, da er die Themen, die er aus dem Zeitgeschehen nimmt so verarbeitet, dass sie allgemeingültig werden, denn die Gruben in Barabbas erinnern an die Konzentrationslager oder Guantanamo, das Dilemma der Kernphysiker in De vises sten bleibt bis heute unbeantwortet und das Böse, das der Schriftsteller in seinen Werken behandelt ist ohnehin zeitlos.

Copyright: Herbert Kårlin

22 maj 2013

Walter Ljungquist und der psychologische Roman Schwedens

Walter Ljungquist (offiziell Valter Bertil Ljungqvist) wurde am 11. Juni 1900 als Sohn des Kaufmanns Erik Josef Ljungqvist und dessen Frau Edla Josefina Cecilia Pettersson in Kisa in Östergötland geboren und starb am 22. Mai 1974 ebenfalls in Kisa. Ljungquist war in erster Ehe mit der Journalistin Claire Eva Edla Neuman verheiratet und in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Gerda Sofia Antti.

Seine Kindheit verbrachte Walter Ljungquist in einem Elternhaus mit einer herzkranken Mutter und einem psychisch labilen Vater, der zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung pendelte. Die Wirtschaftslage der Familie war kaum stabil. Es war daher kaum verwunderlich, dass sich Ljungquist, der zudem Hörprobleme hatte, in eine eigene Welt floh. Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb die Mutter und die Situation verschlechterte sich zunehmend, da der Vater zu trinken begann und der Konkurs bald nicht mehr zu vermeiden war.

Walter Ljungquist, Erika, Erika, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 1963

Sehr früh musste Walter Ljungquist bei seinem Vater mitarbeiten und nach fünf Jahren Volksschule begann für ihn das Berufsleben, erst im Büro, dann in der kleinen Druckerei, die Ljungquist später übernahm und bis in die 30er Jahre fortführte. Diese Kindheit und die verpasste Jugend sollten später die Hauptthemen seiner Werke werden, eine Art Suche nach seiner eigenen Vergangenheit und die Suche nach dem verlorenen Paradies.

Der junge Walter Ljungquist, der bereits früh seine künstlerische Neigung entdeckt hatte, versuchte bereits mit etwa 20 seine verpasste Bildung nachzuholen und beschäftigte sich mit allen Strömungen der Zeit, angefangen von der Literatur bis zur Philosophie und Psychologie. Als vollkommener Autodidakt und ohne Fremdsprachenkenntnisse versucht Ljungquist selbst Autoren wie Marcel Proust, Joseph Priestley und Katherin Mansfield zu verstehen. Verständlicherweise gewann der Schriftsteller dadurch eine persönliche Vorstellung der Literatur und folgte nicht den akademisch vorgegebenen Linien.

Im Jahre 1926 begann Walter Ljungquist als Novellist bei der Bonniers veckotidning, wenn auch mit geringem Erfolg und gleichzeitig begann er an an einem Monumentalwerk im Geiste von Proust zu schreiben. Ljungquist wollte damit den ersten modernen Roman Schwedens schaffen, was ihm jedoch nicht gelang, da der Roman von den Verlagen, ebenso wie seine zwei zeitkritischen Folgeromane, abgelehnt wurde.

Erst als Bonniers Litteräre Magasin ab 1932 erschien und damit auch die modernere Prosa veröffentlichte, gelang es Walter Ljungquist unter den Literaten Schwedens aufgenommen zu werden und 1933 erhielt er einen geteilten ersten Preis für seinen Kurzroman Ombyte av tåg. Gleichzeitig machte Ljungquist durch die Zeitschrift auch die Bekanntschaft mit den Werken von Hermann Hesse in dessen Werken er Parallelen zu seinem eigenem Schicksal entdeckte.

Nachdem Walter Ljungquist sich auch der Anthroposophie genähert hatte, die sich in Schweden ab Mitte der 30er Jahre verbreitete, änderte sich die Betrachtungsweise des Schriftstellers und Ljungquist fand zur Erzählung, die auf persönliche Erinnerungen aufbaut. Bereits 1938 kam dann mit dem Roman Resande med okänd bagage sein absoluter Durchbruch. 

Als in den 40er Jahren der Aufstieg des schwedischen Films einsetzte, nahm die Aktivität des kaum etablierten Schriftstellers etwas ab, da er sich, vor allem gemeinsam mit Hasse Ekman, an das Schreiben von Filmmanuskripten machte und dadurch über 20 Filmen seinen Stempel gab. So nebenbei wurden dann zwischen 1943 und 1950 auch drei seiner eigenen Romane verfilmt, was ihm zu einem bedeutenden Ruhm als Schriftsteller verhalf.

In den 50er Jahren schreibt der literarische Außenseiter Walter Ljungquist einige der bedeutendsten Romane dieser Zeit, die den Lesern einen Blick in die Seelen seiner Hauptpersonen führen und ihnen den psychologischen Roman Schwedens präsentiert.

Als Walter Ljungquist 1951 Stockholm verlässt, das Schreiben für den Film aufgibt und keine Auftragsarbeit mehr annimmt, entsteht das Meisterwerk des Schriftstellers, ein Bildungsroman, der sich langsam entwickelt und letztendlich aus elf Büchern bestand. Ljungquist wechselt bei dieser Serie immer wieder die Betrachtungsweise und der Leser findet sich in den verschiedensten Personen wieder. Diese 100-jährige „Geschichte“ des Småland mit seinen Naturbetrachtungen wird immer wieder mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe verglichen, da Ljungquist zu sehr ähnlichen Stilmitteln und Ausdrucksweisen greift wie der deutsche Schriftsteller.

Walter Ljungquist, der bisweilen als Entwicklungspsychologe bezeichnet wird, gehört als Autodidakt in keinerlei Gruppe von Schriftstellern und er folgte keiner einzigen der offiziellen literarischen Linien, was ihn innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte nahezu einzigartig macht. Die Personen in seinen Büchern sind immer auf dem Weg sich zu finden, auf dem Weg etwas zu erreichen oder auf dem Weg das Leben zu verstehen, auch wenn der Ausgang danach meist offen bleibt. Ljungquist interessierte die Entwicklung des Menschen, was den Einfluss der Anthroposophie auf seine Werke zeigt ohne dass der Schriftsteller jedoch das gesamte Dogma dieser Philosophie übernahm.

Copyright: Herbert Kårlin

21 maj 2013

Gudmund Jöran Adlerbeth und die gustavianische Epoche Schwedens

Gudmund Jöran Adlerbeth wurde am 21. Mai 1751 als Sohn des Hofjunkers Jakob Fredrik Adlerbeth und dessen Frau Anna Maria Spalding in Jönköping geboren und starb am 7. Oktober 1818 auf dem Gut Ramsjöholm in der Gemeinde Svarttorp bei Jönköping. Adlerbeth war ab 1781 mit Karin Ridderborg verheiratet.

Seine gesamte Kindheit und Jugend verbrachte Gudmund Jöran Adlerbeth auf dem Gut des Vaters bei Svarttorp, da sich der Vater sehr früh aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte und den Sohn selbst unterrichten wollte. Die gesamte Erziehung von Adlerbeth, zumindest bis zu seinem 17. Lebensjahr, war daher ausschließlich vom französischen Lebensstil geprägt, jedoch auf eine ländliche Situation angepasst. Diese Zeit hat den Skalden und Politiker so stark geprägt, dass er dem Gut Ramsjöholm immer eng verbunden war, was sich auch auf seine spätere Dichtkunst sehr deutlich auswirkt.

Gudmund Jöran Adlerbeth, Pastellgemälde von L. Pasch dem Jüngeren, 1780, Schwedisches Reichsarchiv

Als Gudmund Jöran Adlerbeth im April 1768 sein Studium an der Universität in Uppsala beginnt, das er 1771 mit dem Kanzleiexamen abschließt, wird die akademische Schicht nicht nur bald auf seine Intelligenz aufmerksam, sonder er zeigt sich auch bald als begabter Dichter. In dieser Zeit werden von der Gesellschaft Apollini Sacra, in die Adlerbeth gewählt wurde, vier seiner Oden an die Ordensgesellschaft Utile dulci eingereicht, die den jungen Adlerbeth auch in den gehobenen Kreisen Stockholms bekannt machen.

Nach Abschluss des Studiums beginnt Gudmund Jöran Adlerbeth in der Kriegsexpedition zu arbeiten, wird auf Grund seiner literarischen Leistungen jedoch schon zwei Jahre später zum Kopierer und Kanzleiangestellten befördert. Hier fällt er wenige Monate später, nicht zuletzt auch durch eine Empfehlung von Gustaf Fredrik Gyllenborgs, dem König Gustav III. auf, der ihn wiederholt zu seinen literarischen Zirkeln einlädt, was Adlerbeth jedoch damit bezahlen muss, dass er während dieser Zeit den altmodischen Stil annimmt, der vom König gewünscht wird und dass er französische Opernwerke bearbeitet und übersetzt.

Ab 1774 geht Gudmund Jöran Adlerbeth häufig mit dem König auf Reisen und wird sein Protokollsekretär, was letztendlich dazu führt, dass der Schriftsteller 1778 zum Reichsarchivar ernannt wird, eine Jahre später Privatsekretär wird und 1786 vom König zum Mitglied der Svenska Akademien ernannt wird. In den Folgejahren wird Adlerbeth zusätzlich in die Vitterhetsakademien und die Vetenskapsakademien gewählt, was ihm eine wichtige Stellung innerhalb der schwedischen Kultur verleiht.

Der Preis für diesen Aufstieg und die zahlreichen Ehren ist allerdings, dass Gudmund Jöran Adlerbeth nur einen kleinen Spielraum bei seinem Schaffen hat und überwiegend im Auftrag des Königs schreiben muss. In diesen Jahren entstehen das Rokokoschauspiel Birger Jarl und das lyrische Drama Cora och Alonzo, mit dem das Opernhaus des Königs im Jahre 1782 eingeweiht wird.

Privat beginnt sich Gudmund Jöran Adlerbeth jedoch immer mehr mit der englischen und vor allem auch der isländischen Literatur zu beschäftigen. Adlerbeth übersetzt Ende der 80er Jahre auch Ejvindr Skaldaspillers liksång öfver konung Håkan i Norrige, das ab 1790 in der Stockholmposten veröffentlicht wird und Adlerbeth zu einem der Vorreiter der nordischen Renaissance macht.

Neben den Auftragsarbeiten für Gustav III. und seinen eigenen Werken, war Gudmund Jöran Adlerbeth einer der bedeutendsten literarischen Übersetzer seiner Zeit, denn er übersetzte einige der wichtigsten Werke Voltaires (François-Marie Arouet) und Jean Racines, auch wenn Adlerbeth nicht wegen dieser Werke besonders gelobt wurde, sondern für seine Übersetzungen der lateinischen Klassiker. Diese Übersetzungen und vor allem die Auswahl der Werke sollten nahezu zwei Jahrhunderte lang die schwedische Einstellung und Deutung der Antike prägen.

Als Jacob Axelsson Lindblom im Jahre 1811 das Psalmbuchkomitee einsetze, so waren in der Gruppe auch die drei Freunde Gudmund Jöran Adlerbeth, Johan Gabriel Oxenstierna und Carl Gustaf af Leopold Mitglieder, mit dem Ergebnis, dass Adlerbeth nicht nur im kulturellen Bereich und in der Politik einen bedeutenden Einfluss ausübte, sondern auch im geistlichen Leben, da eine Psalmensammlung über Jahrzehnte hinweg verwendet wurde und das gesamte schwedische Volk beeinflusste.

Obwohl heute die meisten lyrischen Werke von Gudmund Jöran Adlerbeth nahezu in Vergessenheit geraten sind, so sind seine Aufzeichnungen zur Reise des Königs nach Italien und vor allem seine geschichtlichen Aufzeichnungen noch heute von größtem Interesse, da sie einen Einblick in das Schweden unter Gustav III. bieten, auch wenn der Wahrheitsgehalt in manchen Punkten mit Vorsicht angegangen werden muss, da man in dieser Epoche nicht das heutige Geschichtsverständnis hat und die Werke von Adlerbeth von der persönlichen Einstellung stark gefärbt sind, einer Person, die nie Kritik suchte, sondern im Fluss der herrschenden Gesellschaft schwamm ohne diese je in Frage zu stellen.

Copyright: Herbert Kårlin

20 maj 2013

Verner von Heidenstam und der Umbruch in eine neue Zeit

Verner von Heidenstam wurde am 6. Juli 1859 als Sohn des Ingenieurs Nils Gustaf von Heidenstam und dessen Frau Magdalena Charlotta Rütterskjöld in Hammar bei Örebro geboren und starb am 20. Mai 1940 in Ny in Östergötland. Von Heidenstam war in erster Ehe mit Emilie Uggla verheiratet, in zweiter mit Olga Mathilda Wiberg und in dritter Ehe mit Anna Margaretha (Greta) Charlotta Sjöberg. Mit seiner letzten Frau, der Dänin Kate Bang, ging der Schriftsteller nie die Ehe ein.

Während seiner Kindheit lebte Verner von Heidenstam im Winter in Stockholm und im Sommer in Olshammar, den Ort, den er auch in seinen Memoiren als Heimatort betrachtet. Olshammar gehörte dem Geschlecht seiner Mutter und von Heidensatam wurde dort von den überwiegend weiblichen Bewohnern, die alle der gehobenen Schicht Schwedens angehörten, vergöttert, was vermutlich auch seine zukünftige Einstellung zu Frauen prägte, deren Nähe er suchte. Seit Leben lang war der Schriftsteller von Frauen umgeben, was sich nicht nur durch drei Ehen ausdrückte, sondern auch an seinen zahlreichen Affären.

Verner von Heidenstam, Dikter, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 2007, Titel: Jenny Herrström Gemzell

In Olshammar lernte Verner von Heidenstam auch die ausländische klassische Literatur kennen, da seine Großmutter eine sehr umfangreiche Bibliothek mit diesen Werken besaß. Als von Heidenstam ab 1869 die Beskowska skolan in Stockholm besuchte, war er dort einer der ersten Schüler. Wegen mehreren Krankheiten dehnte sich seine Schulzeit immer wieder hinaus bis er die Schule 1876 wegen TBC verlassen musste. Um sich von der Krankheit zu erholen, wurde dem Schriftsteller ein Aufenthalt in Südeuropa empfohlen, was von Heidenstam in den folgenden zwei Jahren nicht nur nach Südeuropa, sondern auch nach Vorderasien führte.

Die ersten literarischen Versuche von Verner von Heidenstam sind bis in die 70er Jahre zu verfolgen, denn in diesen Jahren legte er Carl David af Wirsén erstmals ein Manuskript zur Begutachtung vor. Auf diese Weise fand er dann Zacharias Topelius als Ratgeber, der ihm auf dem Weg zum Literaten helfen sollte. Diese ersten Werke des Schriftstellers zeugen allerdings noch vom idealisierten Christentum von Heidenstams und sind daher nicht mit seinen späteren Werken zu vergleichen.

Zu Beginn der 80er Jahre überlegt Verner von Heidenstam ob er sich der Malerei oder der Schriftstellerei widmen soll, und entscheidet sich dann für die Malerei. Parallel dazu beginnt seine Revolte gegen die väterliche Linie, der bereits den Berufswunsch des Sohnes missbilligte, jedoch durch die Unterstützung von Mutter und Großmutter seine Wünsche realisieren kann. Von Heidenstam heiratet die drei Jahre ältere Emilie Uggla, zieht mit ihr nach Rom, Paris, die Schweiz und schließlich an die Riviera. Die Bilder, die in dieser Zeit entstehen zeigen Motive aus der römischen und vor allem der nordischen Mythologie.

Durch seinen Aufenthalt im Ausland wird Verner von Heidenstam von den modernen sozialen Änderungen beeinflusst und betrachtet das aristokratische Schweden jener Zeit als überholt. In diesem Sinne beginnt er 1884 einen regen Schriftwechsel mit August Strindberg, der von von Heidenstam als Visionär des zukünftigen Schweden betrachtet wird. Diese Korrespondenz sollte von Heidenstam bei all seinen zukünftigen Werken stark beeinflussen, denn Strindberg zeigte ihm den Spiegel der schwedischen Aristokratie.

Das Verhältnis von Verner von Heidenstam zu Strindberg wurde im Laufe der Jahre jedoch immer angespannter, insbesondere dadurch, dass von Heidenstam von den Kritikern mehr und mehr über Strindberg gestellt wurde, was dazu führte, dass Strindberg ab 1890 die Briefe von Heidenstams nicht mehr beantwortete. Die Ursache dieses Problems beruhte jedoch vor allen darauf, dass von Heidenstam, im Gegensatz zu Strindberg, die Gesellschaft nie schockierte, sondern sich den Wünschen der gehobenen Schicht anpasste.

Ab den 90er Jahren sah sich Verner von Heidenstam dazu berufen des kulturelle Leben Schwedens zu beeinflussen, da seiner Meinung nach in Schweden der nationale Gedanken mit der Arbeiterbewegung auf der Strecke blieb. Von Heidenstam gründete zu diesem Zweck 1893 den schwedischen Schriftstellerverband und übernahm zwei Jahre später das Svenska Dagbladet um dadurch auf die Meinungsbildung Schwedens Einfluss zu gewinnen. 1899 gründete er dann auch noch einen liberalen Verein, der sich zur Liberalen Samlingspartiet entwickelte und heute die Folkpartiet ist.

Der Erfolg von Verner von Heidenstam beruhte jedoch nicht nur auf seinen Leistungen als Schriftsteller und Dichter, sonder er war in der Lage sowohl die gebildete Schicht als auch den gehobenen Arbeiter anzusprechen, da er nie Teil der Arbeiterbewegung war, jedoch ebenfalls für das Wahlrecht der Bürger eintrat und liberales Gedankengut verbreitete, das auf breiter Ebene positiv akzeptiert wurde und nicht den Gedanken einer Revolution in sich trug.

Als Verner von Heidenstam 1909 als der schwedische Nationaldichter gehüllt wurde, hatte er eine klare Stellung zum gehobenen Bürgertum eingenommen, da seine Dichtung seit 1988 deutlich machte, dass die östliche Philosophie und Denkweise dem Ende entgegenging und er setzte die nordische Geschichte und Denkweise in den Vordergrund, was gerade um diese Zeit bei der gebildeten Schicht des Landes, aber auch beim Volk, auf fruchtbaren Boden fiel. Seine Geschichtswerke zwischen 1897 und 1908 sind ein deutliche Zeichen dafür, das von Heidenstam um diese Zeit eine Mittlerrolle zwischen gehobener Bürgerschicht und gehobener Arbeiter und Handwerkschicht einnahm und den Stolz zum Mutterland predigte, der unabhängig von der sozialen Stellung liegt.

Kurz bevor die literarische Karriere von Verner von Heidenstam zu Ende ging, wurde er 1912 nach dem Tode von Wirsén, der seine Wahl bis dahin verhindert hatte, in die Svenska Akademien gewählt, wo er, nach Wirsén auf dem Stuhl Nummer 8 gewählt wurde. Nur vier Jahre später wurde von Heidenstamm auch der Nobelpreis in Literatur vergeben. Der Schriftstelle sollte anschließend nur noch an seiner Autobiografie arbeiten, die er jedoch nie fertigstellte.

Zu Beginn der 30er Jahre zeigten sich bei Verner von Heidenstam deutliche Zeichen der Demenz, eine Situation, die sich ab 1934 sehr schnell verstärkte. Der Schriftsteller litt unter Halluzinationen, Angstzuständen und konnte bald auch nicht mehr schreiben und sprechen. Durch einen Betrug ehemaliger Freunde wurde seiner Frau Kate Bang das gesamte Erbe gestohlen um aus Övralid ein Nationalmonument für von Heidenstam zu machen.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborger Flugschau 2013

19 maj 2013

Carl Snoilsky und die kulturelle Revolution Schwedens

Graf Carl Snoilsky wurde am 8. September 1841 als Sohn des Justizrates Graf Nils Snoilsky und dessen Frau, Freiherrin Sigrid Fredrika Juliana Baner in Stockholm geboren und starb am 19. Mai 1903 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Snoilsky war in erster Ehe mit Hedvig Charlotta Amelie Piper und in zweiter Ehe mit Ebba Fredrika Eleonora Ruuth verheiratet.

Was relativ unüblich für die Adelsschicht jener Zeit war, besuchte Carl Snoilsky bereits ab 1850 die Klara Schule und anschließend zwischen 1857 und 1860 das Gymnasium in Stockholm. Snoilsky wurde sehr früh an die europäische Literatur herangeführt und kannte spätestens ab seiner Zeit im Gymnasium außer der schwedischen Literatur auch die Werke von Lord Byron, Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Heine.

Carl Snoilsky, Carl Snoilskys Dikter, Albert Bonnier Förlag, Stockholm, 1945, Serie: Den svenska lyriken

Während seiner Kindheit war Carl Snoilsky vor allem zu seiner Mutter hingezogen, die eine künstlerische Ader hatte, im Gegensatz zum sehr strengen Vater. Da die Mutter auch Gesellschaftsdame der Witwenkönigin Desideria war, verbrachte der Junge einen großen Teil seiner Kindheit mit seiner Mutter auf den Gütern im Södermanland und auf Schloss Rosersberg.

Die literarische Aktivität von Carl Snoilsky geht bis zur Zeit im Gymnasium zurück, wo er Mitglied des literarischen Klubs Amicitiae Verae war und seine ersten Gedichte schrieb, die 1861 unter dem Titel Smådikter af Sven Tröst (einem Pseudonym) erschienen, einer Gedichtsammlung zu der der Skalde in späteren Jahren allerdings nicht mehr stand, da ihm diese zu unreif vorkamen.

Ab 1860 besuchte Carl Snoilsky die Universität Uppsala, die er jedoch nach drei Jahren mit dem Kanzleiexamen verließ. In Uppsala zeigte sich das Erstlingswerk Smådikter jedoch als sehr bedeutend, denn dank dieser Gedichtsammlung wurde er in Uppsala in den literarischen Verein Namnlösa sällskapet aufgenommen, wo er, unter anderem, Carl David af Wirsén, Peter August Gödecke, sowie Ludvig Östergren kennenlernte und auch seinen Jugendfreund Edvard Bäckström wiedertraf.

Nach seinem Examen an der Universität Uppsala begab sich Carl Snoilsky erst einmal auf eine ausgedehnte Reise durch mehrere europäische Länder, die von poetischer Seite gesehen sehr fruchtbar waren, wobei den Skalden insbesondere Italien stark in den Bann nahm und im Jahr 1865 zum Werk Italienska bilder führte. Snoilsky, der sich auf der Reisen über seine Zukunft klar werden wollte, konnte sich allerdings nicht für die Laufbahn eines Skalden entscheiden und trat daher in den Botschaftsdienst ein und blieb sein Leben lang Beamter. Als Skalde blieb Snoilsky bis 1881 jedoch nahezu stumm, auch wenn bis zu seiner Wahl in die Svenska Akademien im Jahre 1876 einige wenige Werke erschienen, die von der Kritik gelobt wurden. Bereits in den 70er Jahren war Snoilsky der Meinung sein Leben im Grunde vergeudet zu haben, er löste seine Ehe auf, kündigte seinen Dienst, heiratete erneut und verließ das Land, dessen Gesellschaftsleben er eintönig und ohne jedes Interesse fand.

Mit seinem Band Nya dikter, die in die Sammlung Samlade dikter eingeht, und vor allem mit seinen Svenska Bilder beginnt für Carl Snoilsky dann jedoch die wahre Karriere als Skalde und der Schriftsteller scheint nun zu sich selbst gefunden zu haben. Im folgenden Jahrzehnt ergänzt Snoilsky seine „Schwedischen Bilder“, die vor allem von Anders Fryxells Geschichte beeinflusst sind und der Dichter schafft damit ein Grundlagenwerk, die ihm einen bedeutenden Ruf unter den Literaten seiner Zeit bringt, zum anderen entdecken durch kommende Schulauflagen sehr viele Kinder über die Sammlung Svenska bilder erstmals die schwedische Dichtkunst und beginnen sich für die Geschichte und die Tradition des Landes zu interessieren.

Während der 80er Jahre lebte das Ehepaar Snoilsky  überwiegend in Dresden und der Skalde, der selbst aus der Adelsschicht kam, näherte sich den sozialen „Unterschichten“. In Gedichten wie Afrodite spricht sich Carl Snoilsky sogar deutlich dafür aus, dass der Adel von seinem Piedestal steigen soll und sich dem Volk nähern muss, bevor das Volk zur Waffe greift und sich vom Adel befreit, der das Volk nur als Masse betrachtet und als Sklave benutzt.

Als Carl Snoilsky 1890 nach Stockholm zurückkehrt und dort, auf seinen eigenen Wunsch, Oberbibliothekar des Königlichen Bibliothek wird, als Zensor und Inspektor über die Stücke des Dramaten entscheidet und auch noch Mitglied des Nobelkomitees wird, ist er einerseits der bedeutendste Dichter neben Viktor Rydberg, aber sein Aufstieg provoziert auch die Kritik der Oberschicht des Landes, da diese Snoilsky als Verräter ihrer Schicht betrachten. Der Skalde selbst zeigt dabei eine gewisse Unsicherheit, da er zwar für den Bürger des Landes schreibt, jedoch keine wirkliche Beziehung zu Arbeitern und Bauern hat, also das Leben dieser Schicht nur theoretisch kennt.

Die späteren Werke von Carl Snoilsy waren in gewisser Weise bereits von der Zeit überholt als er sie veröffentlichte, da die schwedische kulturelle Revolution bereits eingesetzt hatte, aber gerade deswegen wurden seine Werke nicht nur von Schriftstellern wie August Strindberg, Henrik Ibsen oder Georg Brandes gelobt, sondern auch konservative Autoren wie Carl David af Wirsén erkannten seine literarischen Leistungen an.

Auch wenn Carl Snoilsy gewissermaßen ein Sprecher für die soziale Unterschicht Schwedens war und an der kulturellen Revolution des Landes beteiligt war, so war es ihm bereits auf Grund seiner Bildung unmöglich mit seinen Werken die breite Masse zu erreichen, von den Gedichten für Schulzwecke abgesehen, denn seine Wortwahl und sein Stil blieben für die Mehrheit der Schweden unverständlich. Erst in den letzten Jahren beginnt man sich wieder auf größerer Ebene den Werken Snoilskys zu nähern.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

18 maj 2013

Elsa Nyblom und die pädogische Aufgabe der Literatur

Elsa Nyblom, geborene Blomberg, wurde am 18. Mai 1890 als Tochter des Hausmeisters Carl Gustaf Blomberg und dessen Frau, der Hebamme Gustava Kristina Abrahamsson in Stockholm geboren und starb am 6. Dezember 1956 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Nyblom war ab 1913 mit dem Schriftsteller und Journalisten Erik (Mac) Nyblom verheiratet.

Sehr früh entschied sich Elsa Nyblom eine künstlerische Karriere zu beschreiten, auch wenn sie in ihrer Jugend noch nicht an die Literatur dachte. Nach dem Besuch der privaten Mädchenschule Åhlinska in Stockholm studierte Nyblom ein Jahr lang Theater und Gesang. Nach dem Abschluss dieser Ausbildung ging sie mit Greta Stridsberg und Jenny Tschernichin-Larsson zwei Jahre lang auf Theatertournee, ohne sich jedoch besonders hervorzuheben.

Elsa Nyblom, Strängt Personligt, Förlag Ljus, 1945

Da Elsa Nyblom nach dieser Erfahrung selbst feststellte, dass das Theater wenig für sie geeignet war, nicht zuletzt deswegen, weil sie immer wieder ihren eigenen Willen durchsetzen wollte, und sie mittlerweile ihren späteren Ehemann kennengelernt hatte, entschloss sie sich daher Journalistin zu werden, da sie hier eine Rolle in der Meinungsbildung einnehmen konnte.

Ihre erste Sommeranstellung bei den Dagens Nyheter erhielt Elsa Nyblom 1913 über ihren Mann, der dort als Journalist arbeitete. Nyblom wurde nach dem Vikariat nicht übernommen, konnte jedoch auch in den Folgejahren immer wieder Artikel in der Zeitung unterbringen, da die Journalistin neue Wege ging und bei der Zeitung den sozialen Journalismus einführte.

Auch ohne feste Anstellung wurde Elsa Nyblom sehr aktiv im Pressegeschehen, denn sie begann bei den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften mitzuarbeiten und gründete, gemeinsam mit Tora Holm-Lundberg, sogar eine eigene Zeitung, die 1920 von Åhlen & Åkerlund aufgekauft wurde und Nyblom eine Anstellung als zweite Chefredakteurin brachte, die 1928 zur Chefredakteurin des Vecko-Journalen führte, eine Stelle, die sie bis 1943 behielt und durch die Übernahme der Zeitschrift durch Bonniers verlor, da Nyblom durch ihren starken Eigenwillen und ihr Streben nach Dominanz eine Belastung für den Verlag geworden war.

Die literarische Karriere von Elsa Nyblom begann erst als es kein zurück zum Journalismus mehr für sie gab, da man in der Zwischenzeit auch vom manipulativen Journalismus zum informativen Journalismus gewechselt hatte, eine Richtung, die Nyblom ablehnte, da für sie Schreiben damit verbunden war die Gesellschaft auf positive Weise zu verbessern.

Im Jahre 1945 erschienen, nach einem Handbuch für Hausfrauen (Varukännedom och inköpskonst) und Kvinnans hem är värld, Elsa Nybloms Memoiren in drei Bänden, die allgemein als ihr Hauptwerk betrachtet werden und mit einem Portrait des armen Teiles von Östermalm beginnen, dem Stockholmer Stadtteil in dem die Schriftstellerin aufwuchs. Einige Literaturwissenschaftler bezeichnen diese drei Bände Nybloms nahezu als Klassiker der schwedischen Literaturgeschichte, während andere die Bücher der Schriftstellerin, zu Unrecht, gar nicht erst beachten und als Beschäftigungstherapie betrachten. Selbst unter der Liste der weiblichen Schriftstellerinnen des Nordens sucht man Nyblom bisher vergebens.

Da Elsa Nyblom mit ihrer dominanten Art kaum mit anderen Menschen zurecht kam, wurde ihr literarisches Schaffen, das zwischen 1945 und ihrem Tod erschien und sowohl aus einigen Romanen und mehreren Jugendbüchern besteht, von Kritikern kaum beachtet. Nur die Literaturwissenschaftlerin Birgitta Theander vergleicht den Humor, den Nyblom bei ihren Mädchenbüchern zeigt, mit jenem von Astrid Lindgren, Ester Ringnér-Lundgren und Christina Söderling-Brydorf, nachdem sie vier Jugendbücher der Autorin näher betrachtete und analysierte.

Elsa Nyblom war als Schriftstellerin und Journalistin vor allem das Opfer ihres eigenen Charakters, da sie sich selbst im Mittelpunkt sehen wollte und sich dadurch bei anderen Schriftstellern und vor allem bei Kritikern unbeliebt machte, diese aber letztendlich entscheiden welche Stellung ein Autor innerhalb der Literaturgeschichte einnimmt und nicht die zahlreichen Leser, die Nyblom mit ihren zwölf Büchern, die im Laufe von zehn Jahren erschienen, in ihren Bann ziehen konnte. Ihre Mädchenbücher wurden auch in andere Sprachen übersetzt.

Bei ihren Memoiren zeigt sich Elsa Nyblom, trotz der einfachen Sprache, die sie benutzt, als gute Beobachterin und sie porträtiert dabei einige der Personen, die ihren Weg kreuzten mit außerordentlicher Klarheit und Schärfe. Ihre Kinderbücher richten sich an Mädchen und hatten, wie die Mehrheit der Kinderbücher jener Zeit, eine moralisch erzieherische Aufgabe, was jedoch nichts an ihrer Spannung nimmt. Ihre Romane richteten sich an ein sehr breites Publikum, da sie mit der klaren Struktur und der relativ einfachen Wortwahl auch Leser ansprach, die keine höhere Bildung hatten, aber dennoch an einer gewissen Kultur und am Lesen interessiert waren.

Copyright: Herbert Kårlin